Literatur

Alles, bloß nicht einverstanden sein

Peter Handke in dem Film "BIN IM WALD. KANN SEIN, DASS ICH MICH VERSPÄTE"

Peter Handke in dem Film "BIN IM WALD. KANN SEIN, DASS ICH MICH VERSPÄTE"

Aber möglichst genau: Der Schriftsteller Peter Handke, dem die deutsche Literatur eine Reihe von Meilensteinen verdankt, wird heute 75 Jahre alt

Dass er mal einen Bambi gewonnen hat (für seinen Film „Die linkshändige Frau“), dass er die meisten seiner vielen Literaturpreise dann doch entgegengenommen hat und zu beinahe harmonischen, allemal aber punktgenauen, sorgfältig abwägenden Gesprächen in der Lage ist: Man glaubt es kaum, so oft und klar wirkt Peter Handke getrieben vom tiefen Bedürfnis, nicht einverstanden zu sein mit anderen.

Mit zwei Paukenschlägen trat der 24-Jährige 1966 an die Öffentlichkeit: der Beschimpfung der „Gruppe 47“ bei ihrer Tagung in Princeton als „beschreibungsimpotent“ – und der Ausweitung dieser Tätigkeit auf der Bühne mit der von Claus Peymann in Frankfurt uraufgeführten „Publikumsbeschimpfung“. Der andere Handke-Förderer war Günther Büch, der in Oberhausen bald die Handke-Stücke wie „Weissagung“ und „Selbstbezichtigung“ aufführte, was zur ersten Begegnung mit dem jungen Wim Wenders führte, der ein Freund fürs Leben werden sollte.

Der andere Antrieb dieses heute nun 75 Jahre währenden Lebens aber ist der Drang, wissen zu wollen, was hinter den Dingen steckt, so genau wie möglich, zur Not mit wilden Spekulationen und Tiefenbohrungen im Trüben. Diese Sehnsucht ließ manche seiner Bücher ziegelsteindick anschwellen wie „Das Jahr in der Niemandsbucht“, das Anfang der 90er-Jahre im Pariser Vorort Chaville entstand, wo Handke auch seinen heutigen Geburtstag verbringen will. Dabei sind seine genauesten Bücher die relative schmalen „Versuche“ – über „die Müdigkeit“, „die Jukebox“ und „den geglückten Tag“. Während sein stummes Stück „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“ vielsagend ist wie nur wenige andere.

Handke, der im Alter von 18 Jahren erfuhr, dass er bis dahin den falschen Mann für seinen Vater gehalten hatte, fand oft Titel, die zum geflügelten Wort werden, „Der kurze Brief zum langen Abschied“, „Chronik der laufenden Ereignisse“, „Wunschloses Unglück“ – wobei es „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ ja gar nicht gibt, weil der Druck für den Schützen viel größer ist.

Handkes Sinn für Humor ist größer als die meisten glauben (man lese nur „Lucie im Wald mit den Dingsda“). Unübersehbar ist allerdings sein Faible für schöne Schauspielerinnen: Der ersten Ehefrau Liebgart Schwarz folgten Herzensverbindungen mit Marie Colbin, Sophie Semin und Katja Flint.

Die Romanze seines Lebens aber ist Slowenien, das Land, aus dem seine Mutter stammt und dessen Geschichte er mit dem Stück „Immer noch Sturm“ aus Sicht der kleinen Leute schildert (dafür erhielt er Mülheims Dramatikerpreis). Je mehr der Vielvölkerstaat Jugoslawien in den 90er-Jahren zerfiel, desto mehr sah Handke in ihm, nicht frei von Stilisierungen, eine Paradies-Insel im Blutmeer der Geschichte, mit dem Sieg der Partisanen über die Nazis als Gloriole. Als Handke 1996 zwei Reiseberichte über das kriegszerfurchte Serbien schrieb, das im Westen als Aggressor und Hauptschuldiger der Balkan-Kriege galt, war die Empörung groß; seine Lesungen aus dem Buch wie die im Essener Grillo-Theater waren im Nu ausverkauft. Handke betonte, es gehe ihm um Gegenbilder zu den medial grassierenden Klischees über Ex-Jugoslawien. Dafür ging er weit, bis hin zur Rede am Grab des Kriegsverbrechers Slobodan Milosevic.

Aber nicht deshalb nannte ihn der Berliner Festspiel-Intendant Thomas Oberender 2012 einen „abenteuerlichen Künstler“ und „gefährlichen Autor“ – sondern wegen seiner „stets spürbaren Reizbarkeit“ gegen alles, was konform und bigott daherkomme. Fast so wichtig wie seine Sorgfalt beim Betrachten und Bedenken der Dinge.

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