Mutter aller Festivals

50 Jahre danach – Ein Besuch am „Woodstock“-Schauplatz

Blick ins Woodstock-Museum im „Bethel Woods Center for the Arts”.

Blick ins Woodstock-Museum im „Bethel Woods Center for the Arts”.

Foto: Dirk Hautkapp

Bethel.  Wiesen, Veteranen, Gedenksteine und ein Museum: In Bethel im US-Bundesstaat New York begannen vor 50 Jahren die Vorbereitungen für „Woodstock“.

Auf den ersten Blick sehen die heiligsten Wiesen der Popmusik-Geschichte kaum anders aus als die Kuhweiden zwischen Witten-Bommerholz und Wuppertal. Saftig grün, mit Holzzäunen eingehegt, idyllisch in die hügelige Landschaft eingebettet, menschenleer. Tritt man näher heran und schließt für einen Moment die Augen, ändert sich die Perspektive. Mit etwas Fantasie kann man sich links die große Bühne vorstellen. Und bis zum Horizont die Menschenmassen, die hier vor einem halben Jahrhundert von Freitagnachmittag bis Montagmorgen bei sengender Sonne und strömendem Regen für eine Überdosis Liebe, Frieden und Glückseligkeit Schlange gestanden haben.

Hier, das ist Bethel, ein 6000-Einwohner-Kaff im Catskills-Mittelgebirge des US-Bundesstaats New York. Auf dem farbenfrohen Gedenkstein am Ende der Lichtung steht: „Dies ist der Original-Schauplatz des Woodstock Musik und Kunst Festivals.” Was hier vom 15. bis 18. August 1969 geschah, wenige Wochen nach der Mondlandung, war für manche ein nicht minder großer Menschheitsschritt. Einer, den niemand besser in Worte fasste, als der Mann, ohne den Woodstock (das in Wahrheit 95 Kilometer entfernt liegt) nie passiert wäre. Max Yasgur, ein Milchbauer mit wuschigen Augenbrauen, der den Veranstaltern um Michael Lang nach Absagen verängstigter Nachbarkommunen vier Wochen vor dem ersten Gitarren-Riff von Ritchie Havens mit seiner fruchtbaren Scholle für 70.000 Dollar Miete aus der Patsche half, ging am Ende ans Mikrofon und sagte: „Ihr habt der Welt bewiesen, dass eine halbe Million Kinder – und ich nenne euch Kinder, denn ich habe Kinder, die älter sind als ihr – zusammenkommen können und drei Tage lang Spaß und Musik und nichts anderes als das haben können. Möge Gott euch dafür segnen.”

Tägliche Pilger-Tour zum Woodstock-Denkmal

Wenn Lenny Steinhardt sich an diese Szene erinnert, bekommt der weißhaarige Mann, der seinen Haarzopf unter einer Mütze trägt und einen ansehnlichen Feier-Bauch unter dem Regenbogen-Batik-T-Shirt, feuchte Augen. Der 76-Jährige kommt seit Wochen täglich wie ein Pilger zum Woodstock-Denkmal. Um zu erzählen, wie es war.

Steinhardt, Mutter Italienerin, Vater Deutscher, ging im Sommer ’69 zur Handelsmarine. „Ich hatte mit Hippies nichts am Hut”, sagte er unserer Zeitung an der historischen Stätte, aber eine „heiße Freundin” im New Yorker Stadtteil Queens, der er keinen Wunsch abschlagen konnte. „Als ich im Juli Landgang hatte, sagte sie, wir fahren nach Woodstock. Da spielen Janis Joplin, Joan Baez, The Who, Canned Heat und andere. Drei Tage Musik. Gut dachte ich – und fuhr mit.” Schon die Anreise war abenteuerlich. „Gerade erst aus New York raus, standen wir schon im Stau. Das Komische war: Niemand war aggressiv. Auch wenn man am Ende 20 Kilometer zu Fuß gehen musste, weil kein Durchkommen war.” Was daran lag, dass sich Michael Lang und seine Mitstreiter kolossal verhauen hatten. Statt der erwarteten 60.000 Besucher kamen mehr als 400.000 Blumenkinder zum Bestäuben ihre Blütenträume nach Bethel und lösten ein gigantisches Verkehrschaos aus.

Woodstock begeisterte mit magischer Solidarität und Friedfertigkeit

Weil die Zeit zu knapp war, das Areal einzuzäunen, um ordnungsgemäß abzukassieren (24 Dollar für alle drei Tage), wurde Woodstock früh zum „free concert”. Nicht zu verwechseln mit freier Sicht. Jim und Betsy Simmons, er 78, sie 73, aus Texas angereist, um den Woodstock-Geburtstag nächste Woche vorzufeiern, bestätigten, was viele damals erlebten: „Wir haben die Bühne nie richtig gesehen, es war einfach zu voll. Aber die magische Solidarität und die Friedfertigkeit, die hier herrschten, haben alles wettgemacht.” Betsy Simmons hat in Woodstock zum ersten Mal in ihrem Leben Müsli gegessen. Als die Imbissstände leergekauft waren, sprang die „Hog Farm” ein, eine zigeunernde Hippie-Kommune um den zahnlosen Spaß-Anarchisten Wavy Gravy. Und rührte zum Frühstück eine große Open-Air-Küche an.

Wie reibungslos die Schwarm-Intelligenz damals funktionierte, kann man für sinnige 19,69 Dollar Eintritt einen halben Kilometer vom Original-Schauplatz im gediegenen „Bethel Woods Center for the Arts” erfahren. Das Multimedia-Museum samt Kino und Konzert-Bühne liefert abgesehen vom ausgeprägten Patchouli-Geruch in unaufdringlicher Weise den Unterbau zum chaotischen Geschehen auf Yasgurs Wiese. So lernt man erneut, dass Größen wie Bob Dylan, die Doors, die Beatles und die Rolling Stones einen Bogen um Woodstock machten. Dafür trat ein Knabe auf, den man eher bei Dieter Thomas Heck in der Hitparade vermutet hätte: Bert Sommer. Joni Mitchell, die große Seherin, schrieb erst nach Woodstock die gleichnamige Hymne („We are stardust, we are golden…”). Sie hatte einen Fernseh-Termin. Nicht nur Mitchell trauerte lange Zeit dem verpassten Jahrhundert-Moment nach, der auf Jimi Hendrix zurückging. Vor weniger als 10.000 Zuschauern, die inmitten von Müllbergen und Schlammpfützen wie die Überlebenden eines Erdrutsches anmuteten, schob der schwarze Mann mit dem roten Stirnband am Montagmorgen zwischen „Voodoo Child” und „Purple Haze” eine Überbrückungsmusik ein, die bei Lenny Steinhardt bis heute Gänsehaut erzeugt. Die absichtsvoll mit den Saiten zersägte Version von „The Star Spangled Banner”, der amerikanischen Nationalhymne, klang wie ein einziges schrilles Nein zum Vietnam-Krieg, zu Rassismus und Ungerechtigkeit. Zu allem, wie der Musik-Kritiker Greil Marcus schrieb, „was man in diesem Moment von der Welt getilgt sehen wollte”.

„Es roch nach Modder, nach Marihuana, nach Schweiß, nach Kot und nach Urin.”

Die Eheleute Bobbi und Nick Ercoline haben da in der Retrospektive sehr genaue Vorstellungen. Der Fotograf Buzz Urkle hatte das junge Paar am zweiten Festival-Morgen im Publikum entdeckt; einander innig in den Armen haltend, bedeckt von einer zartrosa-farbenen Decke. Grace Slick von Jefferson Airplane sang gerade passenderweise „Bringing up the dawn”, als Urkle auf den Auslöser drückte. Das Bild ziert seit 1970 das Platten-Cover des Woodstock-Albums und machte die in der Nähe wohnenden Ercolines weltweit bekannt. Dabei fällt Bobbi Ercoline bis heute als erstes der Gestank ein, wenn sie an Woodstock denkt. „Es roch nach Modder, nach Marihuana, nach Schweiß, nach Kot und nach Urin.”

Womit Lenny Steinhardt keine Probleme hatte. „Wir haben nackt gebadet im See nebenan, reichlich Drogen genommen und sehr viel Spaß gehabt”, sagt der mehrfache Großvater, der nach „Woodstock” in Bethel hängengeblieben ist, mit seiner Frau zwei Kinder großzog und ein paar Steinwürfe entfernt ein Haus gebaut hat. Worauf er sich am meisten freut zum 50. Jubiläum? „Auf Carlos Santana.” Der Gitarrist hatte mit seiner Band und energiegetriebenen Song wie „Jingo”, „Evil Ways” und „Soul Sacrifice” in Woodstock den Durchbruch. Gage: 1500 Dollar. Am 17. August tritt er gemeinsam mit den auch schon schwer betagten Doobie Brothers auf der Freilichtbühne des Woodstock-Museums in Bethel auf. 50 Jahre danach. Lenny Steinhardt grinst und macht zum Abschied mit den Fingern der rechten Hand das Peace-Zeichen: „Nostalgie ist doch was Schönes. Die Gegenwart in Amerika ist ungemütlich genug.”

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben