Interview

2-3 Straßen: Eine Ausstellung in drei Städten

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Essen. Ein Jahr mietfrei wohnen und Teil eines Kunstprojektes werden - der Künstler Jochen Gerz entwickelt das Konzept "2–3 Straßen" und sucht 100 Teilnehmer für diese Aktion. Über die Ausstellung in drei Städten des Ruhrgebiets sprach DerWesten mit dem Künstler.

Eine Ausstellung in ausgesuchten Straßen des Ruhrgebietes bringt der Konzeptkünstler Jochen Gerz (68) zur Kulturhauptstadt Europa im Revier 2010 auf den Weg. "2-3 Straßen" heißt das Projekt des deutschen Künstlers, der sich international einen Namen mit Werken wie dem Mahnmal gegen Faschismus in Hamburg-Harburg und dem gegen Rassismus in Saarbrücken gemacht hat. Neben dem "Platz des Europäischen Versprechens" in Bochum ist es das zweite Kulturhauptstadt-Projekt des mittlerweile in Irland lebenden Künstlers, das Gerz auf Initiative des NRW KULTURsekretariats entwickelt. Gegenstand der Ausstellung sind die Straßen selbst. Der Blick soll auf den ganz normalen Alltag in Straßen gelenkt werden, die sonst in keinem Stadtführer verzeichnet sind.

Neben den bereits in den Straßen lebenden Bewohnern werden für das Kunstwerk noch Teilnehmer gesucht - rund 100 Menschen, die zu neuen Nachbarn in den leerstehenden, später aber renovierten Wohnungen werden wollen.

Was ist Kunst für Sie?

Jochen Gerz: Eine schwierige Frage, auf die es bisher keine Antwort gibt und die mich beschäftigt wie am ersten Tag.

Welche Idee steht hinter Ihrem Konzept der „Public Authorship“?

Jochen Gerz: Die Überzeugung, dass die Menschen, die wir “die Öffentlichkeit” nennen, von der Politik, den Medien und auch der Kultur unterfordert werden. Anders gesagt, dass wir uns selbst nicht genug zutrauen, wenn wir uns damit begnügen, Betrachter und Konsumenten zu sein. Und dies leider mit der gefährlichen Folge, dass die Gesellschaft nicht in der Demokratie ankommt, solange wir uns damit zufrieden geben, in unserem eigenen Leben die Nebenrolle zu spielen.

Welches künstlerische Konzept steht hinter „2-3 Straßen“?

Jochen Gerz: „2-3 Straßen“ will etwas. Es geht um die Frage, wie man Menschen ändern kann. Das will Kunst eigentlich immer, aber natürlich nicht nur sie. Hier konkret will die Kunst nicht durch materielle Objekte eine Änderung im Menschen bewirken, sondern durch etwas, das man früher “spirituell” genannt hätte. „2-3 Straßen“ ist ein gemeinsamer geistiger Rahmen für Menschen, die in einer Straße wohnen. Was ich schaffen will ist eine Sensibilität in diesen drei Straßen, aber auch bei denen, die mich beauftragen, diese Arbeit zu realisieren, für Entwicklungen, die sozialer, kommunaler, kultureller Natur sind und die man so beschreiben könnte: mehr Kreativität, mehr Mut – weniger innere gesellschaftliche Emigration. Sie verstehen, warum ich nicht glaube, dass Parkbänke oder Straßenlampen allein die Lösung sind.

Welche Teilnehmer wünschen Sie sich für das Projekt?

Jochen Gerz: Ich wünsche mir Teilnehmer. Ist das nicht schon genug? Ohne Teilnehmer kann es „2-3 Straßen“ nicht geben. Ich kenne die Teilnehmer noch nicht, weil die Ausstellung erst in einem Jahr im Rahmen der europäischen Kulturhauptstadt Ruhr 2010 stattfinden wird. Teilnehmer sind für mich Autoren, sie haben das letzte Wort über die Arbeit und auch das letzte Wort über mich: der Andere, den ich anspreche, weil ich auf Dialog angewiesen bin, in der Kunst wie im Leben.

Welchen Anspruch haben Sie an dieses Experiment?

Jochen Gerz: Ich habe den Anspruch, als Künstler ernst genommen zu werden. Das heißt bei einer Arbeit, die nicht nur die Kunst betrifft, sondern auch Gesellschaft und Politik, Städtebau und Literatur zum Beispiel. Ich mische mich ein, und es ist ein Kompliment, wenn das Wirtschaftsministerium sich die Frage stellt, mich zu beauftragen.

Was bedeutet „2-3 Straßen“ für die alteingesessenen Bewohner der Straßen?

Jochen Gerz: Sie sind das Thema, der Gegenstand der Arbeit. An sie richtet sich die Einladung zur Ausstellung. „2-3 Straßen“ möchte sie zur Mitarbeit gewinnen. Als Teilnehmer, als Autoren des Textes. Für den gemeinsamen Text ist es, glaube ich, wichtig, dass er nicht nur von denen geschrieben wird, die neu hinzuziehen und die sich damit für die Teilnahme entscheiden, sondern vor allem auch von denen, die diese Entscheidung nicht getroffen haben, die alten Mieter. Sie sind für mich das Kriterium für den Erfolg.

Verändert sich der Mensch, wenn er vom bloßen Betrachter zum aktiven Teilnehmer eines künstlerischen Prozesses wird?

Jochen Gerz: Er verändert sich durch nichts radikaler als durch genau diesen Schritt. Man darf die Kreativität nicht nur Wenigen zutrauen, so wie man die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nicht nur Wenigen zugestehen darf.

Wie verbinden sich die Teilnehmer des Projektes miteinander, wenn nicht nur der entstehende Text, sondern auch die Autoren des Textes, der innerhalb des Jahres entstehen soll, einander unbekannt bleiben?

Jochen Gerz: Ich möchte eigentlich nicht den Eindruck erwecken, als könnte ich die Arbeit heute beschreiben oder in meinen Gedanken voraus nehmen. Es gibt sie noch nicht. Nur deshalb macht es Sinn, zur Teilnahme einzuladen. Gemalte Bilder brauchen keine Maler. Ich hoffe, dass die gemeinsame Ausstellung zur Gemeinschaftlichkeit und zum Austausch zwischen den Bewohnern in den Straßen führt. Wer unbekannt bleiben will, der kann das gerne tun. Wir wollen kein Spektakel aus den Straßen machen. Die Straßen sind das, was sie sind, und sollen es bleiben. Die Veränderungen, die mir vorschweben sind so gering, dass sie nur sensible Menschen bemerken können. Dieser Sensibilität im Einzelnen und in der Gruppe will ich mithelfen, Ausdruck zu geben.

In welcher Form werden Sie das Projekt über ein Jahr begleiten?

Jochen Gerz: Ich hoffe in Dortmund, Duisburg und Mülheim an der Ruhr genau so präsent zu sein wie bei meinen bisherigen Arbeiten. Mein Atelier ist die Straße, der öffentliche Raum. Es ist normal, dass man da die meiste Zeit verbringt.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben