Medizin

Nahrungsergänzungsmittel: Was bringen die Pillen wirklich?

Immer mehr Deutsche vertrauen auf die Kraft von Nahrungsergänzungsmitteln.

Immer mehr Deutsche vertrauen auf die Kraft von Nahrungsergänzungsmitteln.

Foto: anilakkus / iStock

Berlin.  Jeder dritte Deutsche nimmt Nahrungsergänzungsmittel. Doch die sind nicht so harmlos, wie viele glauben. Worauf sollte man achten?

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Die Wirkversprechen von Nahrungsergänzungsmitteln sind vielfältig: mehr Vitalität, bessere Immunabwehr und größere Leistungsfähigkeit bis hin zu weniger Schmerzen, Gewichtsabnahme und schönere Haut.

Tatsächlich vertrauen immer mehr Deutsche auf die Kraft von Pillen, Pulvern und Flüssigkeiten, die teils in Apotheken und Drogerien, teils per Telefon und im Internet angeboten werden. Jeder dritte Erwachsene in Deutschland nimmt ein solches Präparat, jeder vierte sogar mehr als eines pro Tag. Doch bringen die Mittel wirklich gesundheitliche Vorteile?

„Studien haben bisher nicht den Nachweis erbracht, dass die Folgen eines ungünstigen Ernährungsverhaltens durch Einnahme von Vitaminpräparaten oder anderen Nahrungsergänzungsmitteln ausgeglichen werden können“, sagt Silke Restemeyer von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE).

Dem fehlenden Nutzen der Einnahme von Vitaminpräparaten stehe zudem ein Gesundheitsrisiko durch zu hohe Zufuhrmengen gegenüber. Ferner seien die meisten Menschen in Deutschland ausreichend mit Vi­taminen und Mineralstoffen versorgt.

Nahrungsergänzungsmittel: Vitamin D bei zu wenig Sonnenschein

Lediglich für bestimmte Risikogruppen würden sich Nahrungsergänzungsmittel (NEM) empfehlen, sagt Restemeyer: So sollten etwa Schwangere und Stillende Jod und bei nachgewiesenem Eisenmangel auch Eisen einnehmen, Veganer das Vitamin B12 und Menschen, die bei Sonnenschein kaum draußen sind, Vitamin D. Für die Gesamtbevölkerung rate die DGE außerdem zur Verwendung von jodiertem und fluoridiertem Salz.

Kristina Norman vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) führt aus, dass es bestimmte Krankheiten und Lebensphasen gebe, die die Nutzung von Nahrungsergänzungsmitteln erforderten. Allerdings sei bei der Dosierung Vorsicht geboten, so die Ernährungsforscherin, die an der Charité Berlin die Arbeitsgruppe Ernährung und Körperzusammensetzung leitet. „Nahrungsergänzungsmittel sollte man nur nehmen, wenn wirklich ein Mangel vorliegt, und keinesfalls präventiv.“

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Tatsächlich könne der unkontrollierte Konsum solcher Mittel sogar Risiken bergen. „Zum einen besteht die Gefahr von Wechselwirkungen, nimmt man mehrere Mittel, zum anderen können Überdosierungen auftreten“, warnt die Expertin.

So würden Studien nahelegen, dass eine regelmäßige sehr hohe Calziumaufnahme aus derartigen Präparaten zu einer erhöhten Sterblichkeit führe. Hinzu komme, dass die Informationen auf den Packungen nicht immer stimmten: „Die Präparate dürfen bis zu 50 Prozent von den angegebenen Mengen abweichen.“

Nahrungsergänzungsmittel gelten nicht als Arzneien, sondern als Lebensmittel

Die Angaben zu Mengen an Vitaminen, Provitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen, Fettsäuren, Eiweißen, Kohlenhydraten oder sonstigen Inhaltsstoffen wie probiotischen Kulturen oder Algen pro Tagesdosis sind vorgeschrieben. Und das Etikett muss die empfohlene tägliche Verzehrmenge, die nicht überschritten werden sollte, ebenso enthalten sie den Hinweis, dass Nahrungsergänzungsmittel eine ausgewogene Ernährung nicht ersetzen können.

Allerdings gelten die Präparate gesetzlich nicht als Arzneien, sondern als Lebensmittel. Entsprechend unterliegen sie nicht den strengen Tests und Qualitätssicherungsprozessen wie Medikamente vor der Markteinführung. Die Verantwortung für ihre Sicherheit liegt bei Herstellern und Vertreibern.

Nahrungsergänzungsmittel müssen beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit mit Angaben zu Zutaten und Fotos der Verpackung angezeigt werden. Das Bundesamt gibt die Meldung an die Landesbehörden weiter, diese wiederum an die kommunalen Überwachungsbehörden, die die Produkte dann stichprobenartig kontrollieren.

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Verbraucherzentrale: „Die Behörden sind schon jetzt überfordert.“

Doch der Markt für NEM boomt, jedes Jahr kommen unzählige neue Produkte auf den Markt. „Die Behörden sind schon jetzt überfordert“, kritisiert Angela Clausen von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Hinzu komme, dass die Lebensmittelüberwachung bis vor Kurzem keine anonymen Proben zur Kontrolle im Internet kaufen oder vor Gericht verwenden durfte.

Dabei wächst gerade das Online-Angebot besonders stark. Viele Hersteller haben Social-Media-Plattformen wie Facebook oder Instagram entdeckt, um vor allem jüngere, fitnessbegeisterte Menschen anzusprechen.

Ihnen versprechen sie mit Proteinpulvern, Pre- und Probiotika oder Adaptogenen ein gesünderes Leben. Letztere umfassen Pflanzenstoffe – für Clausen ein Bereich, der besonders wenig reglementiert ist: „Für Nahrungsergänzungsmittel oder Lebensmittel im Allgemeinen ist klar definiert, welche Gesundheitsversprechen gemacht werden können“, sagt die Expertin. Für Pflanzenstoffe stünden solche Regulierungen noch aus.

Nahrungsergänzungsmittel: Ein Spiel mit den Ängsten der Verbraucher

Gerade diese sogenannten Botanicals würden sich speziell an jene richten, die natürliche Mittel wollten und diese auch als Ersatz für Medikamente sähen: „Da wird etwa das Kräuterwissen von Hildegard von Bingen angesprochen, ohne irgendwelche Wirknachweise zu bringen“, sagt Clausen.

Neuere Ergänzungspräparate nehmen demnach oft Anleihen aus der Alternativmedizin und verweisen dabei etwa auf Kulturen aus China oder Indien. „Es werden dann bestimmte Pflanzen genannt, die dort traditionell verwendet werden, aber die NEM enthalten unter Umständen nur einen isolierten Wirkstoff“, sagt Norman. Sie unterstreicht: „Der Verweis auf eine andere Kultur ist noch keine Evidenz, die man als Wissenschaftler aber braucht, um tatsächliche Wirkungen beurteilen zu können.“

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Die Kommunikation vieler Hersteller spiele mit den Ängsten der Verbraucher, findet Restemeyer. Besonders kritisch sei das, ergänzt Ernährungsexpertin Clausen, wenn Menschen mit bestimmten Leiden oder der Angst davor – etwa Arthrose, Demenz und Arteriosklerose – angesprochen würden oder aber Patienten, die als austherapiert gelten.

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