Arbeitsmarkt

Fachkräftemangel: Ein - noch lösbares - Problem für Startups

Für die Suche nach Fachkräften betreiben Startups unter anderem ein intensives Scouting auf Job-Profil-Plattformen.

Für die Suche nach Fachkräften betreiben Startups unter anderem ein intensives Scouting auf Job-Profil-Plattformen.

Foto: Jens Büttner

Essen  Viele Startups im IT-Sektor haben Probleme, das geeignete Personal zu finden, vor allem in der Wachstumsphase. So gehen die Gründer das Thema an:

Schon seit einigen Jahren gehört Fachkräftemangel für Unternehmen zu den großen Herausforderungen. Laut einer aktuellen Studie des Digitalverbands Bitkom fehlen in Deutschland allein rund 55.000 IT-Fachkräfte.

Dabei betrifft Fachkräftemangel längst nicht nur etablierte Mittelständler und Konzerne. Auch für junge Unternehmen ist der Kampf um Software-Entwickler schon länger ein Problem. 16 Mitarbeiter beschäftigen Startups laut Bitkom-Studie im Durchschnitt. Drei Viertel der befragten Jungunternehmen wollen im laufenden Jahr zusätzliche Mitarbeiter einstellen.

Gerade Startups sind mit ihren fast ausschließlich digital basierten Geschäftsmodellen auf IT-Leute angewiesen. Beim Rekrutieren von Talenten und erfahrenen Fachkräften sehen sie sich gegenüber Unternehmen aus der Old Economy einigen Nachteilen ausgesetzt.

Fachkräftemangel besonders für Startups ein Herausforderung

Eine der für Startups typischen Herausforderungen tritt auf, wenn das Unternehmen schnell wächst. Mit steigenden Kundenanfragen oder der Beteiligung von Investoren ist zur Weiterentwicklung und Professionalisierung der Technologie oder Plattform oftmals die Einstellung einer größeren Zahl von Fachkräften in kurzer Zeit notwendig.

Selbst bereits erfolgreiche Startups wie die Düsseldorfer Reiseplattform Trivago hatte regelmäßig unbesetzte Entwickler-Stellen, wie Mitgründer Malte Siewert in einem Interview mit der Wirtschaftswoche erklärte.

Eine weitere Herausforderung gegenüber etablierten Unternehmen sind gerade bei jungen Startups fehlende Strukturen und Expertise. Noch neu am Markt kann das Startup potenziellen Mitarbeitern noch nicht die Erfahrung oder vermeintliche Sicherheit eines etablierten Unternehmens bieten.

Zusätzlicher Nachteil ist, dass Startups Fachkräften oftmals ein geringeres Gehalt bei teilweise längeren Arbeitszeiten bieten. Laut der Startup-Studie 2018 von Gehalt.de in Kooperation mit Gründerszene Karriere verdienen Fachkräfte in Startups 16.500 Euro weniger als Mitarbeiter etablierter Unternehmen bei zwei Stunden mehr Wochenarbeitszeit.

Wie können Startups diese Herausforderungen angehen und mit welchen Vorteilen können sie im Kampf um Fachkräfte punkten?

Vorteil Startup: Mitgestaltung, Verantwortung und flache Hierarchien

„Wir legen Wert darauf, unseren Mitarbeitern vor allem eine gute Arbeitsatmosphäre, Mitbestimmung und Mitgestaltung in unserem Unternehmen zu bieten“, sagt Florian Kruse, einer der Gründer des Dortmunder Big Data-Startups Point 8. Flache Hierarchien, Arbeiten auf Augenhöhe mit den Chefs, schnell selbst Verantwortung übernehmen und in kurzer Zeit viel lernen - mit ihrer frischen Unternehmenskultur können Startups vor allem bei jungen Fachkräften und Talenten punkten.

Zudem spielt das Teamgefühl für junge Unternehmen eine immer wichtigere Rolle. Die Mitarbeiter sollen sich wohlfühlen, sich mit dem Unternehmen identifizieren, teilhaben am Erfolg. Nicht ohne Grund beschäftigte das innerhalb weniger Jahre von zwei auf knapp 200 Mitarbeiter angewachsene Startup Uniq mit Sitz in Holzwickede schon früh einen Feelgood-Manager oder spendierte unlängst fast der kompletten Belegschaft einen gemeinsamen Betriebsausflug nach Las Vegas.

Wie wichtig das Wir-Gefühl sowie die Wertschätzung und Motivation von Mitarbeitern ist, zeigt eine aktuelle Studie des Beratungsunternehmens Gallup, wonach mehr als die Hälfte der Deutschen nur noch Dienst nach Vorschrift leisten. Eine positive Unternehmenskultur zu bieten, darin sind Startups gegenüber etablierten Unternehmen mit deren oftmals festgefahrenen Strukturen klar im Vorteil.

In Stellenanzeigen auf Jobportalen oder in der Tageszeitung ist dieser Unterschied in der Unternehmenskultur allerdings kaum noch auszumachen. Ob tatsächlich gelebt oder nur auf dem Papier, auch Unternehmen der Old Economy werben mit Verantwortung, Teamgeist und schickem Büroambiente.

Wie machen Startups auf sich aufmerksam, und welche Strategien funktionieren für sie am besten, um neue Fachkräfte zu rekrutieren?

So kommen Startups an Fachkräfte

„Besonders IT-Fachleute zu finden ist schwierig“, sagt Sascha Kaczmarek, einer der Gründer und Geschäftsführer von MotionMiners. Das Dortmunder Startup hat sich auf Datenanalyse für die Logistik- und Produktionsbranche spezialisiert. Fachkräfte aus dem Bereich Logistik zu finden, sei deutlich einfacher. "Bei Entwicklern ist es oftmals eine Mentalitätsfrage. Viele ziehen es vor, im Konzern zu arbeiten mit festen Arbeitszeiten und Strukturen“, sagt der Dortmunder Gründer. Das noch junge Startup sucht über verschiedene Kanäle nach neuen Mitarbeitern. "Am besten funktioniert es für uns momentan über das eigene Netzwerk", sagt Kaczmarek.

Das eigene Netzwerk ist für die meisten Startups vor allem in der Gründungsphase die wichtigste Quelle, um neue Mitarbeiter zu rekrutieren. Auch das Bochumer Startup imgly griff in der Anfangszeit darauf zurück. Mit seiner Bildbearbeitungssoftware PhotoEditor SDK ist das 2017 aus der Agentur 9elements ausgegründete Unternehmen international erfolgreich am Markt.

"Noch zu Agenturzeiten ist das Team sehr langsam gewachsen. Mit steigender Kundennachfrage haben wir nach und nach eigene Mitarbeiter aus der Agentur für den PhotoEditor abgestellt", sagt Daniel Hauschildt, einer der Geschäftsführer bei imgly. "Nach der Ausgründung reichte das eigene Netzwerk dann aber nicht mehr aus.“

So testete das Startup auch andere Möglichkeiten, wie die klassische Stellenanzeige auf Jobportalen. „Damit haben wir keine positiven Erfahrungen gemacht, weder bei kostenlosen noch kostenpflichtigen Portalen“, sagt Hauschildt. Er sieht das Problem vor allem darin, dass sich die Stellenanzeigen kaum unterscheiden. "Als Startup ist es schwierig, sich dort von anderen Unternehmen abzuheben."

Bei imgly setzt man inzwischen mehr auf die gezielte Ansprache potenzieller Mitarbeiter auf IT-Fachportalen wie Git Hub oder Karriere-Netzwerken wie Xing oder Linkedin. „Wir scouten die Profile regelrecht und schreiben die potenziellen Kandidaten direkt und persönlich an", sagt Hauschildt. „Das funktioniert ganz gut.“

Dabei beschränkt sich das Bochumer Startup nicht nur auf deutsche Fachkräfte, sondern schaut auch ins Ausland. Inzwischen gehört auch ein Programmierer aus Brasilien zum Team. Problemlos ist die Rekrutierung aus dem Ausland jedoch nicht. „Die bürokratischen Hürden, Mitarbeiter aus Nicht-EU-Ländern einzustellen, sind für Startups schwer zu stemmen“, meint Hauschildt und teilt damit die Ansicht vieler Startups.

Die gezielte Suche und Ansprache auf Karriereportalen hat sich auch für Point 8 bewährt. Das Team hat zudem durch Zufall noch eine andere wirksame Quelle entdeckt, potenzielle Fachkräfte auf sich aufmerksam zu machen: die eigenen Mitarbeiter. „Ein Mitglied unseres Teams erwähnte bei einem Vortrag auf einer Absolventen-Veranstaltung, dass er bei uns arbeitet", erzählt Geschäftsführer Florian Kruse. "Darauf hin hat sich gleich jemand bei uns beworben, den wir auch eingestellt haben.“

Keine schlaflosen Nächte

Mit fortschreitender Digitalisierung wird sich das Thema Fachkräftemangel in Zukunft weiter verschärfen. Um gegen etablierte Unternehmen bei der Rekrutierung qualifizierter Mitarbeiter zu punkten, müssen Startups kreativ sein. Allzu schwarz blicken die jungen Gründer großenteils aber nicht in die Zukunft. „Fachkräfte zu finden wird zukünftig zwar eine der schwierigeren Herausforderungen sein“, sagt Florian Kruse, „schlaflose Nächte bereitet uns das aber nicht.“

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Carmen Radeck ist Betreiberin der Seite RuhrGründer.de, eine der wichtigsten Online-Plattformen, die sich mit der Gründerszene in der Region befasst. Sie wird als Kolumnistin ab jetzt regelmäßig hier auf unserem Themen-Special über die brummende Branche, die neuesten Trends, die spannendsten Projekte berichten.

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