Matthias Wagner veröffentlicht Recherchen

Verstrickung der Polizei in NS-Terror

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Lüdenscheider Polizisten waren in einem weit höheren Maß als bisher angenommen in die Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus verstrickt. In einem Aufsatz für die WR hat der Lüdenscheider Historiker Matthias Wagner einen Teil der umfangreichen Recherchen zusammengefasst.

Der Aufsatz wird in Kürze im Geschichtsblatt „Der Reidemeister", herausgegeben vom Geschichts- und Heimatverein, erscheinen.

Wagner zeichnet darin die Verflechtung der Polizei in die Verfolgung der Gegner des Regimes, von Andersdenkenden und Juden nach. Seine Recherchen reichen aber über die lokalen Erkenntnisse über den Einsatz von Lüdenscheider Polizisten hinaus. Am Ende des 2. Weltkriegs befanden sich 56 von 81 Lüdenscheider Polizisten in Kriegsgefangenschaft. Sie waren als Mitglieder des Polizeibataillons aus dem Gau Westfalen-Süd nach Wagners Erkenntnissen Teil der deutschen Ausrottungsmaschinerie geworden. Selbst Polizeibeamte, die dem Regime kritisch und ablehnend gegenübergestanden hätten, seien aus Gehorsam und Angst in den Strudel des Terrors gezogen worden, so Matthias Wagners Fazit zur Rolle der Polizei in der NS-Zeit.

Den kompletten WR-Bericht lesen Sie in der gedruckten Ausgabe der WESTFÄLISCHEN RUNDSCHAU

Im Folgenden der Artikel Wagners im Original:

Der Sturz des sozialdemokratischen Polizeichefs Rüdiger

im Februar 1933 und die Gestapo in Lüdenscheid

Im Februar 1933 verlor der sozialdemokratische Polizeikommissar Rüdiger in Lüdenscheid seinen Chefposten und wurde dem konservativen Polizisten Ranocha vom Polizeipräsidium Bochum unterstellt. Grund für den Verlust der Befugnisse war eine Kette von Ereignissen. Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsidenten Hindenburg den Vorsitzenden der NSDAP Adolf Hitler zum Reichskanzler. Zahlreiche Gegner der Nationalsozialisten und Adolf Hitlers protestierten dagegen auf dem Karlsplatz, dem heutigen Rathausplatz, und Hitler wurde "Bluthund" genannt, weil in Deutschland die nationalsozialistischen Kampfverbände SA und SS oft politische Gegner zusammengeschlagen oder ermordet hatten. Die lokale NSDAP, die noch nicht im Rat vertreten war, protestierte gegen die Demonstration der Hitlergegner beim Polizeipräsidenten in Bochum, der seinen Lüdenscheider Kommissar deswegen entmachtete.

Im April wurden die 300 politischen Polizisten in Deutschland aus der allgemeinen Polizei ausgegliedert und zur eigenständigen Geheimen Staatspolizei, die nicht mehr der allgemeinen Polizeigesetzgebung der Weimarer Verfassung unterstand, sondern weitgehend rechtsfrei, also willkürlich, Schutzhaft verhängte. Nach heutigem Kenntnisstand war aber in Lüdenscheid besonders die SA damit beschäftigt, Kommunisten und andere Kritiker in Schutzhaft zu bringen, wobei die Polizei wegen des Regierungswechsels in Berlin dem Treiben der nationalsozialistischen Kampfverbände zusah. Deshalb trat eine tiefe Spaltung zwischen der Minderheit der demokratisch orientierten Polizisten und der Mehrheit der konservativ, obrigkeitsstaatlich und völkisch orientierten Polizisten in Lüdenscheid ein. Diese wurden durch weitere Hilfspolizisten aus den Reihen der SA und SS verstärkt. In Deutschland wurde die Zahl der Gestapo-Beamten bis 1935 auf 2367 verachtfacht. Spätestens seit diesem Jahr gab es auch mindestens einen Gestapo-Beamten in Lüdenscheid. 1936 wurde die Gestapo-Stelle in der Friedrichstr. 3 eingerichtet, während die anderen Polizisten im Erdgeschoss des Alten Rathauses verblieben. Dennoch arbeiteten beide zusammen, wobei die Macht der Gestapo wuchs. Ihre Aufgabe war die Verfolgung von politischen Gegnern, also Andersdenkenden, und von Menschen, die ausgegrenzt werden sollten, also besonders Juden. Der Leiter war Karl Gertenbach, der auch für die Verhaftung der jüdischen Männer nach der Pogromnacht am 9./10. November 1938 und für die Deportation der Juden am 27./28. April 1942 zuständig war. Den christlichen Partner von jüdischen Bürgern setzte er durch Vorladungen und Schikanen unter Druck, um ihn von dem Ehepartner zu trennen.

Im August 1940 richteten Polizei, Gestapo, der Reichstreuhänder der Arbeit (NS-Organisation der Arbeitsämter) und der Arbeitgeber in Lüdenscheid-Hunswinkel das erste Arbeitserziehungslager der Nationalsozialisten ein. Hier wurden zunächst Deutsche eingewiesen, die den Arbeitsnormen und der Arbeitsdisziplin der Nationalsozialisten und Betriebsleiter nicht entsprachen. Die sechswöchige Straflagerzeit war so hart, dass oft ein Viertel der Häftlinge arbeitsunfähig wurde. Als immer mehr Zwangsarbeiter nach Deutschland gebracht wurden, gab es einige, die an den schlechten Arbeitsbedingungen Kritik übten. Sie wurden zu einer "Erziehungszeit" von 12 Wochen verurteilt. Seit 1942 mussten viele tausend Zwangsarbeiter aus Betrieben des Rheinlands und Westfalens hier ihre Erziehungshaft verbringen, die so unmenschlich war, dass junge Menschen daran starben. Das kleine Gräberfeld auf dem Waldfriedhof Loh und der Friedhof Hühnersiepen geben davon Zeugnis. Später fanden in Hunswinkel auch Exekutionen der Gestapo Dortmund in Hunswinkel statt. In dieser Zeit (1942-44) war der Chef der Gestapo Lüdenscheid der verantwortliche Lagerkommandant. Er leitete 1944/45 auch das Lager Sanssouci im Hönnetal, wo unterirdische Produktionsstätten für die Rüstungsunternehmen hergestellt werden sollten und viele Zwangsarbeiter an Hunger und Überlastung starben. Nach der Kapitulation wurde Karl Gertenbach im Polizeigefängnis des alten Lüdenscheider Rathauses inhaftiert. Er nahm sich in einer Haftzellen, in die er vorher viele Dutzend Juden und viele hundert politische Gegner eingewiesen hatte, am 15.5.1945 das Leben durch Erhängen.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs waren 56 von 81 Polizisten aus Lüdenscheid in Kriegsgefangenschaft. Sie hatten in den eroberten Ländern die Politik der Nationalsozialisten auszuführen, wozu die Ermordung der Juden, der kommunistischen Kommissare, der angeblichen und tatsächlichen Partisanen und vieler anderer Opfer gehörte. Mit dem Amtsantritt Hermann Görings am 30.1.1933 als Innenminister begann der Dienst der Polizei als Machtinstrument der menschenverachtenden Nationalsozialisten, die am 8. Mai 1945 kapitulierten.

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