Cross-Dresser will Mut machen

Er ist anders - aber nicht anders herum

Foto: WR

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Männer haben Muskeln. Männer sind furchtbar stark. Männer können alles. Aber können sie auch einen Minirock tragen? Rainer Henschel* kann. Er ist ein Mann. Einer, der das „Cross-Dressing” liebt, also gern Frauenkleidung trägt.

Lange hat Henschel seine Neigung heimlich ausgelebt. Doch er will sich nicht länger verstecken – und auch anderen Cross-Dressern Mut machen. Deshalb hat er eine Selbsthilfegruppe gegründet.

Schwul. Peinlich. Pervers. Attribute, die Männern in Frauenkleidern anhaften wie wasserfeste Schminke. „Es gibt viele Vorurteile”, weiß Rainer Henschel. „Und viel Unwissenheit.” Der 42-jährige Lüner – seit 19 Jahren verheiratet, Vater eines Sohnes, „und zu 100 Prozent hetero” – möchte das ändern.

Er möchte aufklären; vor allem darüber, was Cross-Dresser nicht sind. Keine Transsexuellen, die sich im falschen Körper gefangen fühlen. Und keine Transvestiten, die als Frauen erkannt werden wollen. „Beim Cross-Dresser kann man ruhig sehen, dass er ein Mann ist”, sagt Henschel und streicht sich demonstrativ über die dunklen Stoppeln seines Dreitagebarts. „Ich bin unwahrscheinlich gerne ein Mann. Ich möchte einfach nur tragen dürfen, was ich will!”

An diesem Tag sind es Jeans und Turnschuhe – auf den ersten Blick ist Henschel durch und durch „Typ”. Wären da nicht die beiden Beulen unter seinem T-Shirt. „Körbchengröße A”, sagt der 42-Jährige und lächelt. Einen BH trägt er fast täglich. Seinen Lieblingsdress holt er dagegen nur zu besonderen Anlässen aus dem Schrank: schwarze Langhaarperücke, knielanger Rock, Strumpfhose. „Und die Pumps mit der Holzmaserung.”

Seine Neigung auszuleben war für Henschel lange undenkbar. Vor 15 Jahren hat er sie entdeckt. „Als ich beim Bügeln plötzlich einen Rock meiner Frau in den Fingern hatte.” Er probiert ihn an, einfach so aus Spaß. Und er fühlt sich gut. „Irgendwie sexy”. Dabei sei es gar nichts Sexuelles, das er mit seinem ungewöhnlichen Modegeschmack verbinde. „Es ist eher eine seelische Befriedigung.”

Weil er sie häufiger spüren möchte, schlüpft er immer wieder in Kleidungsstücke seiner Frau. Bis sie eines Tages früher als gewöhnlich nach Hause kommt – und ihn im Rock erwischt. „Da hat sie ziemlich überrascht aus der Wäsche geguckt”, erinnert sich Henschel.

Seine Frau nimmt ihm das Versprechen ab, „sowas” nicht wiederzutun. „Ein paar Wochen hab' ich es durchgehalten. Aber dann hat es wieder angefangen zu kribbeln”, sagt Henschel. Heute weiß er: „Cross-Dressing ist ein Teil von mir, darauf zu verzichten geht nicht.” Schlechte Erfahrungen habe er bislang nicht gemacht, gerade Frauen reagierten positiv. „Einige sind sogar neidisch, weil ich Größe 36 tragen kann”, sagt Henschel und grinst.

Für seine eigene Familie ist das ausgefallene Hobby allerdings schwer zu v´erkraften. Der 17-jährige Sohn findet die Leidenschaft des Vaters „ekelhaft”. „Meine Frau dachte anfangs, dass das eine Krankheit ist, die man heilen kann.” Erst der Besuch bei einer Familienberatungsstelle half dem Paar, mit der Situation umzugehen.

Seitdem räumt die Ehefrau dem 42-Jährigen Freiheiten ein: Er besucht Treffen mit Gleichgesinnten, hat eine Selbsthilfegruppe im Lüner Gesundheitshaus ins Leben gerufen, er geht ganz selbstverständlich in der Damenabteilung einkaufen und trägt die Sachen nicht mehr nur hinter verschlossenen Türen. In der Nachbarschaft kennt man Henschel inzwischen auch auf Neun-Zentimeter-Absätzen. „Es gab da nie Konfrontationen. Eine Nachbarin hat mir sogar einen Rock genäht”, sagt er und betont: „Ich nehme aber auch Rücksicht auf meine Familie und meide die ganz große Öffentlichkeit.”Arbeitsplatz und Familienfeste sind ebenfalls rockfreie Zonen.

Ein Kompromiss, mit dem Henschel gut leben kann. „Ich habe Glück, dass ich eine verständnisvolle Frau habe. Und sie hat gesehen, dass ich auch ein guter Ehemann bin – ich bin ja Freund und beste Freundin zugleich,” sagt der 42-Jährige. Er lächelt, selbstbewusst und befreit. „Es tut gut, endlich zu wissen, was ich will: Ich will im Stehen pinkeln können, Fußball im Radio hören, Bier trinken – und trotzdem 'nen Rock anhaben!”

*Name von der Redaktion geändert

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