Wochenendportrait

Albinismus - Mit weißer Haut und bunten Träumen

Foto: Manuela Schwerte/press

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Ihre Haare sind blond. Wasserstoffblond. Es ist die Art von Farbe, für die der Frisör einen ganzen Chemiecocktail anrühren muss. Aber die Haare von Monique Pitzer sind nicht gefärbt. Sie gehören zu ihr. Genau wie ihre schneeweiße Haut und ihre rastlosen blauen Augen. Monique ist ein Albino.

Hinter ihrer roten Brille verbergen sich Augen, die nicht ruhen können. Unaufhörlich pendeln die Pupillen hin und her. „Das ist Teil des Krankheitsbild”, erklärt die 21-Jährige gelassen. 20 Prozent Sehkraft besitzt sie – mit Brille. Autofahren darf sie nicht, sich einschränken lassen will sie nicht. Das Leben mit der Behinderung hat Monique eines gelehrt: Selbstbewusstsein. „Keiner darf mir erzählen, dass ich etwas nicht kann”, sagt sie fast trotzig. Jeden Tag beweist sie sich und ihrem Umfeld aufs Neue, dass sie trotz Krankheit eine ganz normale junge Frau mit ganz normalen Träumen ist. Sie will sich Tatoos stechen lassen. Schwarze Tinte auf weißer Haut. Und nach Australien will sie – Auswandern versteht sich. Denn Monique macht keine halben Sachen.

Sechs Monate hat sie schon in Sydney gelebt, war sechs Monate ganz auf sich allein gestellt. Ihre Eltern, Lehrer und auch Ärzte hätten das kurz nach ihrer Geburt kaum für möglich gehalten. Damals hieß es, Monique sei nahezu blind, könne nur hell und dunkel unterscheiden. „Ganz so schlimm ist es nicht”, erklärt die 21-Jährige heute. Gesichter kann sie auf größere Entfernung nicht erkennen, kleine Schriften nur mit Hilfe einer Lupenbrille entziffern.

Und trotzdem macht Monique Pitzer ein Praktikum bei der Westfälischen Rundschau, studiert an der Heinrich-Heine Universität Englisch und Geschichte. Immer im Gepäck: ihr Monokular. Eine Art Fernglas, das es ihr ermöglicht, auch im großen Hörsaal die kleinen Tafelbilder zu entschlüsseln.

Doch bis Monique sich an der Uni einschreiben konnte, war es ein langer Weg. Ein Weg, der sie und ihre Eltern viel Kraft kostete, aber auch neue Freunde brachte. Eine davon ist Lydia Heit, ebenfalls an Albinismus erkrankt. Die beiden Mädchen mit den weißen Haaren besuchten gemeinsam die Grund- und Gesamtschule. Sie bewiesen Lehrern, Behörden und Ärzten, dass der Schulalltag mit einer Sehbehinderung zu bewältigen ist – sofern alle an einem Strang ziehen.

„In der Schulzeit wurden wir manchmal gehänselt. Aber mich hat noch nie interessiert, was andere Leute sagen”, erinnert sich Monique. Im Gegenteil: Bei unüberlegten Äußerungen kommt zu ihrer angeborenen Sehschwäche noch eine antrainierte Taubheit hinzu.

Sie lacht sie einfach weg, die verletzenden Kommentare, strahlt Gaffern mit einer ansteckenden Fröhlichkeit mitten ins Gesicht. „Meine Eltern haben mich nie in Watte gepackt, die haben mich einfach mitlaufen lassen”, ist sie noch heute dankbar, für ihre Erziehung. Der Rückhalt ihrer Familie hat sie stark gemacht. Stark und mutig.

Nur im Sommer, da hadert Monique mit ihrer Krankheit. Immerhin ist sie bei der Wahl der Sonnencreme auf Lichtschutzfaktor 30 angewiesen. Knackig braune Haut – ein Fremdwort für sie. „Sonnenbrand habe ich mindestens einmal im Jahr”, flucht sie. Und so spart die 21-Jährige schon fleißig – für ihren Flug nach Australien und eine Vorratspackung an Sonnenmilch.

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