Formel 1

Vettel nur Vierter in Melbourne - "Warum sind wir so langsam?"

Ferrari-Pilot Sebastian Vettel raste in Melbourne als Vierter ins Ziel.

Ferrari-Pilot Sebastian Vettel raste in Melbourne als Vierter ins Ziel.

Foto: dpa

Melbourne  Mercedes-Pilot Valtteri Bottas hat den Formel-1-Saisonauftakt in Australien gewonnen. Sebastian Vettel verpasst das Podium.

Melbourne – Die entscheidende Frage, die sich über den Saisonauftakt der Formel 1 hinausstellt, kommt 20 Minuten vor Schluss des Großen Preises von Australien aus dem Cockpit von Sebastian Vettel: „Warum sind wir so langsam?" Der Ferrari-Ingenieur antwortet mit hilfloser Ehrlichkeit: „Wir wissen es im Augenblick nicht."

So feiert Titelverteidiger Mercedes einen Doppelerfolg, allerdings in ungewohnter Reihenfolge: Valtteri Bottas triumphiert locker über Champion Lewis Hamilton, Dritter wird Max Verstappen im Red-Bull-Honda. Vettel kreuzt als Vierter 57 Sekunden hinter dem siegreichen Finnen die Ziellinie, hat also fast eine Sekunde pro Runde Rückstand. Das sind Welten. Hätte es bei der Scuderia keine Stallorder zu Gunsten des Heppenheimers gegeben, wäre er sogar noch vom neuen Teamkollegen Charles Leclerc überholt worden. Eine Ohrfeige für die beiden WM-Favoriten.

Neue Machtverhältnisse

Sechsmal in Folge ist Lewis Hamilton im Albert Park aus der Pole-Position gestartet, einen einzigen Sieg hat er daraus gemacht. Diesmal verliert er die Chance schon am Start, als seine Reifen durchdrehen. „Ich kann mich nicht dran erinnern", sagt der Brite hinterher, was so viel heißt wie: er hat die Sache verpennt. Vettel, dem etatmäßigen Rivalen geht es nicht anders, er kollidiert fast mit dem Aufsteiger Charles Leclerc. Schon auf der ersten der 58 Runden wird klar: Die Machtverhältnisse, wie sie noch bei den Testfahrten galten, sind schon Makulatur. Mercedes hat sich selbst überrascht, Ferrari sich – im besten Fall – verpokert. Kein Grip, keine Power. Deshalb kann in einem Grand Prix, der über weite Strecken einem Einzelzeitfahren gleicht, weil die Kräfteverhältnisse so zementiert sind, auch noch

Max Verstappen mit einer unauffälligen, aber klugen Rennstrategie zur Halbzeit problemlos am Ferrari vorbeifahren. Am Ende scheint der Niederländer sogar Hamilton angreifen zu können – bis die Mercedes-Ingenieure die Erlaubnis geben, das Aggregat hochzudrehen. Hamilton kommt mit beschädigtem Unterboden gerade noch so vor Verstappen durch. Auch für ihn ein Wochenende zum vergessen, auf hohem Niveau.

Der, der alle deklassiert, spricht vom „besten Rennen seines Lebens". Es ist erst der vierte Grand-Prix-Sieg in der Karriere von Valtteri Bottas, im letzten Jahr hat er keinen einzigen einfahren können und belegte nur Platz fünf in der WM. So gefährdet man seinen Arbeitsplatz in einem Sieger-Team. Der 29-Jährige mit der hohen Stirn sagt, dass er viel überlegt hat im Winter – was soll man auch sonst groß tun in Lappland: „In meinem Kopf hat sich etwas verändert, was die Einstellung zum Leben und zum Rennfahren angeht." Offenbar zum Positiven. Der Bart ist äußeres Zeichen dafür, dass er nicht mehr nur der Adjudant ist. Zum Frühstück hatte er Haferbrei, das könnte tatsächlich eine populäre Mahlzeit werden jetzt. Bottas will, muss Rebell sein – auch deshalb hat er sich die unbedingt die schnellste Runde in Melbourne holen müssen, für die es jetzt einen Extra-Punkt gibt. Gegen den erklärten Willen des Teams.

Balsam auf die wunde Seele

Auch die 21 Sekunden Abstand auf Hamilton sind Balsam auf die wunde Seele, und den Gesichtsausdruck, den der Brite gemacht hat, kennt er nur zu gut – der ist so wie sein eigener, wenn er im letzten Jahr in den Spiegel geguckt hat. „Das ist die Wiedergutmachung", jubelt ihm der Renningenieur zu. Der sonst so brave Bottas antwortet mit einem „F... You", das an seine Kritiker gerichtet ist. Erstaunlich, was sich in Melbourne alles geändert hat. Teamchef Toto Wolff sieht die Auferstehung eines Rennfahrers: „Es war wie zu seinen besten Formel-3-Zeiten, da hat Valtteri jeden anderen zerstört." Hamilton zollt dem erstarkten Kollegen ein „unglaubliches Rennen". Was einiges über seinen eigenen Frust aussagt.

Acht Runden vor Schluss erfährt Herausforderer Sebastian Vettel die größtmögliche Demütigung, Charles Leclerc hängt ihm im Heck, der Monegasse lässt sich dann aber um eine Sekunde zurückfallen. Leclerc hat zuvor beim Ferrari-Kommandostand angefragt, ob er vorbeidarf, die Antwort hat er aber schon vorher gewusst: „Position halten!" Vettel gibt zu, dass er den Lehrling nicht hätte halten können. „Irgendwas haben wir verpasst", bilanziert der Hesse direkt nach Rennende, „ich weiß noch nicht, ob es am Reifen oder am Auto liegt. Wir waren einfach zu langsams. Viel zu langsam, um mit irgendwem kämpfen zu können. Mir hat auch das Vertrauen ins Auto gefehlt. Es war nicht unser Tag." Seine erste Saison-Bilanz: „Mercedes ist sehr stark, der Rest weit dahinter. Aber ich glaube, dass wir das ändern können."

Zur öffentlichen Beichte erscheinen die Roten mit einer Viertelstunde Verspätung, kein Wunder. „Wir verstehen es nicht, das müssen wir zuhause analysieren", sagt Mattia Binotto, dem der Einstand als Teamchef versaut ist. Das dem Italiener die Haare zu Berge stehen, hat nichts mit der Tagesform zu tun. Er grinst nur etwas verlegen, als er sagt: „Das war sicher nicht das wahre Potenzial unseres Autos." Das Wort „In-cre-di-bi-le" ist am Abend häufig zu hören rund um den italienischen Pavillon im Fahrerlager – so lange daraus nicht impossibile wird... So viel Unsicherheit war lange nicht. Es bleiben der Formel 1 noch 20 Rennen, um wieder in die Balance zu kommen. Elmar Brümmer

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