Mensch am Mittwoch

Cornelia Zander: „Jeder Mensch hat seine Geschichte“

Cornelia Zander ist Bewährungshelferin und Zeugenbetreuerin.

Foto: Andreas Daams

Cornelia Zander ist Bewährungshelferin und Zeugenbetreuerin. Foto: Andreas Daams

Kleve.   Cornelia Zander ist Bewährungshelferin und Zeugenbetreuerin beim Landgericht Kleve. Sie hat auch schon mit Rockern Heiligenfiguren getöpfert.

Routine? „Ich hoffe, nie Routine zu bekommen“, sagt Cornelia Zander. Resolut ist sie, direkt und ausgesprochen humorvoll. „Ich bin eine rheinische Frohnatur.“ Das hilft ihr offensichtlich beim Job. Sie ist Bewährungshelferin und Zeugenbetreuerin beim Landgericht Kleve. Manchmal betreut sie Opfer, manchmal Täter. Abgründe haben viele Gesichter. Es gibt Menschen hinter diesen Gesichtern. Für die Justiz sind sie vor allem Fälle. Standen Opfer früher im Zeugenstand, waren sie ganz offiziell „Beweismittel“. Manches hat sich inzwischen geändert.

Die Geschichte, die sie zur Zeugenbetreuerin werden ließ, hat sie oft erzählt: Ein 15-jähriges Mädchen, vergewaltigt, saß mutterseelenallein im Gerichtsflur. Niemand stand ihr bei. „Da habe ich mich für die Justiz geschämt“, sagt Zander. Ihre Idee: Es sollte jemanden geben, der Opfern – die vor Gericht ja nur Zeugen sind – beisteht. Nicht jeder war von dieser Idee begeistert. Und vor allem nicht von der Tatsache, dass Cornelia Zander beide Seiten abdecken wollte. „Dabei ist das ja gerade ein Vorteil“, sagt sie. Jeder Mensch hat seine Geschichte, und manche Geschichten sind anstrengender als andere. Man soll auch nichts beschönigen: Cornelia Zander kennt einige Täter schon sehr lange aus wiederkehrenden Zusammenhängen.

Kontakt zu Zeugen

Den Kontakt zu Zeugen sucht sie schon Wochen vor Prozessbeginn, falls die Zeugen dies wollen. Inzwischen hat sie in etwa 13 Jahren weit mehr als 1000 Zeugen und 400 Angehörige betreut. Tendenz: steigend. Schwierigster Punkt ist und bleibt der Gang in den Gerichtssaal, in dem auch der Angeklagte sitzt. Gerade bei Gewalttaten muss man das erst einmal verkraften. Und wie ist es mit der Betreuerin? Cornelia Zander: „Früher dachte ich, wenn ich älter werde, kann ich alles leichter verkraften. Aber manchmal packt mich eine Geschichte dann doch sehr stark.“

Dabei hatte das „Kind aus dem Kohlenpott“ mal ganz anders angefangen. Erwachsen geworden ist sie mit den Pfadfindern, in der Jugendarbeit. Das war auch der Anstoß, Sozialpädagogik zu studieren – natürlich in Köln, der Hauptstadt des rheinischen Frohsinns. Danach wurde sie Jugendpflegerin in Bochum-Wattenscheid, da ging es um freie Jugendarbeit, um Jugendheime, um vieles, was überhaupt erst im Entstehen begriffen war: „Damals war es einfacher als heute, etwas auszuprobieren“, erzählt sie. „Wir machten viele Projekte.“ Zum Beispiel mit Rockergruppen töpfern. Lief gar nicht schlecht, „der Präsident der Rockergruppe wollte eine Marienfigur für seine Mutter töpfern.“ Daneben bildete sie als ehrenamtliche Diözesanreferentin Gruppenleiter der Pfadfinder aus.

1988 kam Cornelia Zander nach Kleve

„Aber irgendwann brauchte ich eine neue Herausforderung, schließlich entfernte ich mich altersmäßig immer mehr von den Jugendlichen“, erinnert sie sich. Weshalb sie sich als Bewährungshelferin bei der Justiz bewarb – und eine Stelle in Kleve bekam. 1988 war das. Und am Anfang nicht gerade einfach. Gleich ihr erster Gefangener, den sie in Siegburg besuchte, eröffnete ihr, Frauen akzeptiere er ja schon mal gar nicht. Wenn man länger mit Cornelia Zander spricht, kann man sich gar nicht vorstellen, dass sie je perplex oder sprachlos sein könnte. „Aber damals wusste ich wirklich nicht, wie ich reagieren sollte.“ Am Ende klappte die Verständigung natürlich doch. So ist das mit den Menschen: „Sie sind das Schwierige an dem Job – aber auch das Schöne.“

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