Kriminalität

Was Jugendlichen bei Tierquälerei droht

Foto: WR

Selm. Das Landeskriminalamt NRW verzeichnete im vergangenen Jahr 1132 gemeldete Fälle von Tierquälerei. 56 Prozent wurden aufgeklärt, 690 Tatverdächtige ermittelt. Tierschutzorganisationen nehmen Jugendliche ins Visier.

Die Tierschutzorganisation PETA appelliert angesichts vieler Tierquälereien, vor allem bei jugendlichen Tätern genauer hinzuschauen. Wie kürzlich in Selm.

Ihre Opfer waren klein, wehrlos und konnten nicht fliehen. Aber das hielt die Täter nicht ab: Immer wieder bewarfen sie die Kaninchen im Innenhof des Selmer Gymnasiums mit Betonstücken, die sie zuvor von der Blitzschutzanlage abgerissen hatten. Solange, bis ein Muttertier starb. Doch die mutmaßlichen Tierquäler wurden dank Zeugenhinweisen jetzt gefasst: Nach Auskunft der Polizei waren es ein 12- und ein 15-Jähriger aus Selm, die in die Schule eingebrochen waren, Bargeld gestohlen und das Tier gesteinigt hatten. „Wir sind erleichtert, dass die Täter so schnell ermittelt werden konnten,” sagt Nadja Kutscher von der Tierschutzorganisation Peta, die eine Belohnung von 500 Euro ausgesetzt hatte. „Solche Tierquälereien durch Jugendliche sind leider keine Einzelfälle.” Besonders schockierend sei hierbei jedoch, dass einer der Jungen erst zwölf Jahre alt war.

Die Organisation warnt vor allem davor, derartige Taten als „Jugendstreich” oder „Kavaliersdelikt” abzutun, weil es sich ja „nur” um die Misshandlung von Tieren handele: „Es ist schon schlimm genug, dass die Tiere extrem leiden”, so Kutscher. „Aber mehrere Fallbeispiele und die wissenschaftliche Forschung haben mittlerweile bewiesen, dass sich Tierquäler später häufig auch am Menschen vergehen.”

Der Erziehungswissenschaftler und Aggressionsforscher Dr. Christoph Paulus von der Universität Saarland schätzt, dass etwa 80 bis 90 Prozent der Gewalttäter vorher bereits Tiere misshandelt haben. Das Quälen von Tieren stelle dabei die erste Übungsphase dessen dar, was sich in den Köpfen der Täter erst zu entwickeln beginne. „Macht durch die Herrschaft über Leben und Tod eines Tieres ist dabei der Hauptantrieb”, so Christoph Paulus. Dabei könnten die Tiere immer größer werden - vom Meerschweinchen über Hühner, Katzen, Hunde bis hin zu Schafen oder Pferden. „In der Regel geschieht aber der Sprung zu menschlichen Opfern in Form von Kindern oder Prostituierten relativ schnell.” Zwar gehe es bei solchen Fällen immer um Macht, allerdings sei der Kontext sehr unterschiedlich: Die Tat könne dazu dienen, Aufmerksamkeit und Zuwendung zu erhalten, sein Selbstwertgefühl zu erhöhen oder Rache an direkt nicht erreichbaren Menschen zu nehmen.

Ausmaß und Brutalität beachten

Der Aggressionsforscher betont jedoch, dass vor allem Ausmaß und Brutalität der Quälerei beachtet werden müssten. „Viele Jungen werden Käfer zertreten, Heuschrecken fangen oder mal auf Vögel mit einem Luftgewehr schießen, ohne dass dies zu späteren Gewaltausbrüchen führen wird.” Aber es gebe auch Grenzen, bei deren Überschreitung man aufmerksam werden sollte: Bei der Verletzung von großen Tieren wie Schafen oder Pferden etwa, bei einer Häufung von Quälereien oder auch bei verstärkt sadistischen Aspekten, wenn das Tier lange leiden musste.

Wurden die Täter dann ermittelt, fällt deren Reaktion sehr unterschiedlich aus. „Viele sehen ein, dass es eine schlimme Tat war, die vielleicht irgendwie aus Gruppenzwang entstanden ist”, schildert Nadja Kutscher von Peta. Mitunter gebe es jedoch auch Jugendliche, bei denen man das Gefühl habe, ihnen sei gar nicht verständlich, was so schlimm daran gewesen sei, ein Tier gequält oder getötet zu habe. „In solchen Fällen finden wir es ratsam, dass die Betroffenen langfristig psychologisch betreut werden, um diese gewaltsamen Neigungen auch zu thematisieren.”

Im Fall der Selmer Jugendlichen hofft die Tierschutzorganisation nicht nur auf psychologische Betreuung, sondern auch auf eine Strafe „von mindestens 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit pro Täter”.

Das Tierschutzgesetz sieht grundsätzlich eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren vor. „Doch häufig wird das Strafmaß nicht ausgenutzt, das bedauern wir. Anders als in den USA, wo man das Thema schon sehr ernst nimmt, geht man bei uns in solchen Fällen noch oft von einem Jugendstreich aus”, so Kutscher zu.

Hohe Strafen in Lüdinghausen

Ein Vorwurf, dem man dem Amtsgericht Lüdinghausen allerdings nicht machen kann. Im April 2006 verurteilte Richter Bernd Beckmann acht Angeklagte zwischen 16 und 18 Jahren zu Wochenendarresten bis hin zu zweijährigen Freiheitsstrafen ohne Bewährung. Bis heute hat er diesen Fall nicht vergessen. „Das war etwas, was einem Richter lange in Erinnerung bleibt”, gibt er zu. Die Täter hatten gestanden, mehrmals Schafe, Gänse und Enten von einem Bauernhof in Senden gestohlen zu haben, um sie anschließend auf grausame Art und Weise hinzurichten. Sie hatten die Tiere mit Benzin übergossen und angezündet, aneinandergebunden und ertränkt oder hinter Autos zu Tode geschleift. „Ein einziges Grauen”, sagt Beckmann.

Was aus den Jugendlichen geworden ist, weiß der Amtsgerichtsdirektor nicht. Doch eines ist für ihn klar: „Wenn solchen Grenzen überschritten werden, lässt es starke Rückschlüsse auf schädliche Neigungen zu. Man muss kein Psychologe sein, um zu wissen: Solch ein Verhalten ist ein Alarmzeichen.”

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