Massentierhaltung

Riesenställe verpesten die Dorf-Atmosphäre im Münsterland

100 Meter lang, 15 Meter breit und mit „Platz“ für etwa  40 000 Hühner: Das ist der Standard von Geflügelmast- beziehungsweise Legehennananlange im Münsterland.  Neben seinen bisherigen drei  Riesen-Ställen im Außenbereich von Billerbeck plant Landwirt Antonius Thier nun zwei weitere am selben Standort. Foto: Lutz von Staegmann / WAZ FotoPool

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100 Meter lang, 15 Meter breit und mit „Platz“ für etwa 40 000 Hühner: Das ist der Standard von Geflügelmast- beziehungsweise Legehennananlange im Münsterland. Neben seinen bisherigen drei Riesen-Ställen im Außenbereich von Billerbeck plant Landwirt Antonius Thier nun zwei weitere am selben Standort. Foto: Lutz von Staegmann / WAZ FotoPool Foto: WAZ FotoPool

Billerbeck. Es ist wohl das, was man sich unter einer westfälischen Dorfidylle vorstellt. Mit roten Geranien am Rathaus, dem Ludgerus-Dom direkt im Ortskern, Kopfsteinpflaster und Backsteinhäuschen. Mit einer Auszeichnung als staatlich anerkannter Erholungsort. Und mit viel Gegend drumherum.

Doch seit einigen Monaten ist das harmonische Dorfleben in Billerbeck, der 12 000-Einwohner-Gemeinde im Kreis Coesfeld, gestört. So wie der weitläufige Blick über die Getreideflächen ins Münsterland. Denn mitten in den Feldern oder auch direkt an der Grenze zum Landschaftsschutzgebiet stehen sie: zwischen 15 und 20 Meter breit, etwa 100 Meter lang, mit Silos, die höher als das Dach sind. Ohne Fenster, aber dafür mit einer Klimaanlage, die rund um die Uhr läuft und Luft herauspustet und einen beißenden Ammoniak-Geruch verbreitet. „Moderne Tierhaltungssysteme, die die landwirtschaftliche Existenz sichern“, sagen die Einen. „Industrielle Agrarfabriken, die die Erholungsregion gefährden“, die Anderen.

Es ist nicht nur der äußere Eindruck dieser „Ställe“, der viele Bürger stört. Es ist auch ihr Innenleben mit all seinen Auswirkungen. Denn hier werden täglich – unter Bedingungen, die Tierfreunde zur Weißglut treiben – unzählige Hühnchen gemästet und Hühner zum Eierlegen animiert. Nicht Hunderte, nicht tausende, sondern zigtausende – rund um die Uhr. Je nachdem, um welche Art der Produktion es sich handelt, zwischen 39 900 Masthühnchen und 42 000 Legehennen pro Halle. „In allen Billerbecker Betrieben zusammen und bei sechs Durchläufen etwa zwei Millionen pro Jahr“, schätzt Carsten Nieberg (47). An seinem Pulli trägt der Lehrer einen Button mit dem Umriss eines Hahnenkopfes. „Bürgerinitiative für die Werteerhaltung der Region Billerbeck“ steht darauf. Das „Für“ ist den Mitgliedern der Bürgerinitiative ganz wichtig. Deshalb stehen sie auch nicht mit Plakaten vor jenen Riesenställen, um filmreif gegen die Ställe und ihre Betreiber zu demonstrieren, sondern setzen eher auf Dialog und Information.

Aber natürlich sind sie auch gegen etwas: Gegen die Zersiedelung der Landschaft, gegen den Gestank, gegen nicht artgerechte Massentierhaltung. Kurzum gegen diese boomenden Massentierhaltungsanlagen in ihrer Umgebung, die ihrer Ansicht nach die hohe Lebensqualität in ihrer Region gefährden. Und auch ihre Gesundheit. „Weil die Anlagen keine Abluftfilter besitzen, gelangen gefährliche Feinstäube mit Kotpartikeln, Schimmelpilzen, Viren und Bakterien, die zum Teil antibiotikaresistent sind, ungehindert in die Umgebung und bis in die Stadt Billerbeck hinein“, betont Landschaftsplaner und Grünen-Ratsmitglied Ralf Flüchter (47).

Vor einer Ausdehnung von multiresistenten Keimen wie das MRSA-Bakterium durch die industrielle Tierhaltung warnt auch der landwirtschaftspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, der Bergkamener Friedrich Ostendorff: „Nach der EHEC -Krise könnte uns die MRSA-Krise drohen“, warnt er. Ein Thema, das schon jetzt hinter vorgehaltener Hand in den Krankenhäusern im dörflichen Raum beratschlagt werde. „Und es gibt Experten, die sagen: Wenn wir die Hühnerställe nicht im Griff haben, wird das explodieren.“

Ein Grund für die Ausbreitung der MRSA-Keime sei unter anderem eine präventive und permanente Vergabe von Antibiotika in der Geflügelindustrie. Ein Vorwurf, den der Billerbecker Landwirt Antonius Thier (56) zurückweist. „In den letzten zehn Jahren habe ich nicht ein Gramm Antibiotika gebraucht“, betont er. Vielen Billerbeckern ist er trotzdem ein Dorn im Auge: Weil er schon drei jener „Riesenställe“ für insgesamt 130 000 Legehennen im Außenbereich gebaut hat. Und weil er zwei weitere plant. Weil er das im Außenbereich auf seinem Acker macht, könnte die Gemeinde das nicht verhindern, selbst wenn sie wollte. Erst vor wenigen Wochen scheiterte der Versuch, die Errichtung eines Hühnchenmastbetrieb für knapp 40 000 Tiere am anderen Ende des Ortes zu verbieten. Als die Stadt das Einvernehmen versagte und die Bezirksregierung Münster trotzdem Grünes Licht für das Projekt gab, zog Billerbeck vors Gericht. Ohne Erfolg: Das Oberverwaltungsgericht Münster gab dem Investor Recht und lehnte einen Antrag auf Zulassung der Berufung ab. Das ärgert die Verwaltung besonders. „Andere werden sich an diesem Urteil orientieren. Das heißt: Aus Nordrhein-Westfalen wird bei einer solchen Sache niemand bis zum Bundesverwaltungsgericht kommen“, sagt Gerd Mollenhauer, Leiter des Fachbereichs Planen und Bauen.

So werden wohl im Münsterland auch in den nächsten Monaten und Jahren viele weitere Großanlagen entstehen. Auch in Billerbeck. Und wohl auch dann, wenn die Anforderungen an die Investoren erhöht werden. Gerade erst hat Antonius Thier Bescheid bekommen, dass er neue Gutachten über die Immissionswerte vorlegen soll. Friedhelm Kamps, der die Projekte für ihn plant, kündigte im Gespräch mit der WR an, dass in den neuen Hallen erstmals auch eine Filteranlage eingebaut werde.

Die Atmosphäre im Dorf wird trotzdem verpestet bleiben. „Unsere Familie wohnt hier seit 500 Jahren. Wir haben viele kommen und gehen sehen“, sagt Thier. „Jetzt haben sich hier Akademiker niedergelassen, die meinen, sie müssten alles aufmischen und sorgen für eine Menge Unruhe.“ Wer seiner Meinung nach den Kampf langfristig gewinnen wird? „Vielleicht nicht ich persönlich“, sagt Thier. „Aber irgendwann die Landwirtschaft.“

Doch auch die Verwaltung, die Bürgerinitiative und die Grünen geben ihren Kampf nicht auf. Sie hoffen, dass das Thema langfristig mit einer Änderung des Baugesetzbuches gelöst wird. Mit einem entsprechenden Antrag im Bundestag ist Friedrich Ostendorff zwar im Februar gescheitert, trotzdem ist er optimistisch: „Die Basis wird breiter, da ist etwas in Bewegung“, sagt er – auch mit Blick auf neue Mehrheiten in den Ländern und einen Vorstoß der SPD-Fraktion. Er jedenfalls ist überzeugt: „Da wird sich etwas verändern.“

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