WR-Serie "Der Traum vom..."

Mit dem Stenz auf Wanderschaft

Der 19-jährige Maurergeselle Sven Orthen aus Ennepetal begibt sich Ende August 2011 als Wandergeselle auf die Walz. Foto: Franz Luthe

Foto: WR/Franz Luthe

Der 19-jährige Maurergeselle Sven Orthen aus Ennepetal begibt sich Ende August 2011 als Wandergeselle auf die Walz. Foto: Franz Luthe Foto: WR/Franz Luthe

Ennepetal.   Der Traum vom großen Geld, der ewigen Jugend, der großen Liebe - Träume beschäftigen die Menschen seit je her. In unserer Serie „Der Traum von. . .“ stellen wir Menschen aus der Region vor, die den Tag mit dem Vorsatz beginnen: Träume nicht Dein Leben - lebe Deine Träume! Sven Orthen träumt von der Walz.

Die rot schraffierte Fläche auf der Landkarte markiert die verbotene Zone, mittendrin liegt seine Heimatstadt Ennepetal. Er wird sie verlassen. Drei Jahre und einen Tag darf er sich diesem Ort nicht mehr als 50 Kilometer nähern, darf weder Freunde noch Familie sehen. Das sind die Regeln. Das sind die Bedingungen. – Dafür, dass sich ihm alle Türen öffnen, die hinaus in die Welt führen. Sven Orthen (19) geht auf die Walz.

In das Stofftuch bindet der junge Maurergeselle sein Werkzeug, den Schlafsack, ein paar Unterhosen, die Landkarte und fünf Euro. Ein letztes Mal küsst er die Mutter zum Abschied auf die Wange, noch eine letzte Umarmung für den Vater. Dann nimmt er den Stenz, seinen Wanderstock, und zieht los. Ende des Monats wird es soweit sein. Dann bricht der Jugendliche auf, um durch die Welt zu reisen, auf den Spuren einer Tradition, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Seit Jahrhunderten machen sich Gesellen nach Abschluss der Ausbildung auf den Weg und suchen nach Arbeit. Damals war es noch Pflicht, auf die Walz zu gehen. Heute sind es nur noch ein paar hundert Gesellen im Jahr, bekleidet mit einer Kluft und Perlmuttknöpfen, schwarzen Stiefeln, schwarzem Hut und dem Stenz. So sieht man sie durch die Landen ziehen, seit eh und je.

„Es hat mich einfach gepackt, als ich während der Ausbildung von dieser alten Tradition gehört habe“, sagt Sven. Seitdem dürstet es den jungen Mann – nach Abenteuer, Arbeit, neuen Gesichtern, „ich habe solch ein Fernweh.“ Seine Ziele liegen in Skandinavien, Irland, Schottland, Kanada und den USA. Zu Fuß oder per Anhalter, von Stadt zu Stadt wird er ziehen, arbeiten, bis er das Geld zum weiter reisen hat. Wenn die Münzen knapp werden, dann können die Gesellen in Bäckereien und Fleischereien vorsprechen und sie werden versorgt. In Zeiten in denen Sven Arbeit hat, kann er beim Meister unterkommen, sonst bieten sich ihm Kneipen und Gesellenhotels an. „Wenn ich mal nichts finde, wird es eben eine Brücke. Hauptsache, ich werde nicht nass“, sagt er. Doch bevor es bald losgehen kann, muss der 19-Jährige „genagelt“ werden, so will es die Tradition.

Mit Hammer und Bolzen schlagen die anderen Gesellen sein Ohrläppchen in eine Tischplatte fest. Der Nagel wird herausgezogen, in das Ohrloch stecken sie dann einen goldenen Ohrring mit dem Handwerkswappen. Sollte Sven gegen Regeln verstoßen, vor Ablauf der drei Jahre nach Hause kehren, sich seiner Heimat mehr als 50 Kilometer nähern, in Schlägereien geraten oder stehlen, dann erweist er sich als „nicht ehrwürdig“. Dann reißen ihm die anderen Gesellen den Ohrring aus dem Läppchen heraus und Sven wäre ein Schlitzohr, daher rührt auch die Redewendung.

Doch aufgeben wird Sven nicht. „Ich werde das durchstehen“, sagt er. Vor allem der Vater unterstützt den 19-Jährigen. In seiner Jugend träumte der Maurermeister einst selber davon, auf die Walz zu gehen, doch dann kam die Liebe dazwischen und er blieb zu Hause. Denn Wandergesellen dürfen sich auf keinen Fall in einer Beziehung befinden. „Ich bin stolz, dass mein Sohn es nun wagt, ich habe aber auch Angst um ihn“, sagt Roger Orthen. Kein Handy, kein Telefon. Vielleicht mal einen Brief oder eine E-Mail möchte Sven schreiben, „so alle paar Monate.“ Nie werden die Eltern wissen, wo sich ihr Sohn gerade befindet, ob es ihm gut geht. Wenn Sven am Ende des Monats als weit und breit erster Maurergeselle seit 50 Jahren loszieht, „werden wir ihn als Jungen verabschieden, als Mann wird er nach drei Jahren und einem Tag zurückkehren“, sagt der Vater.

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