Iserlohn Roosters: "Wenn Träume siegen lernen"

Iserlohn. Ganz nüchtern betrachtet ist nicht viel passiert. Der Eishockey-Club Iserlohn Roosters belegt nach Abschluss der Hauptrunde Platz fünf und nimmt damit an den Play-Offs in der Deutschen Eishockey-Liga teil. ...

... Ganz nüchtern sieht das aber derzeit kein Fan in der Region. 20 Jahre haben sie gedarbt, jetzt träumen sie von der Meisterschaft, jetzt hat sie das Eishockey-Fieber gepackt. "Fieber?" Roosters-Manager Karsten Mende winkt ab. "Das ist schon eine Epidemie." Kaum stand fest, dass sich die "Hähnchen" zum ersten Mal nach über 20 Jahren für die Play-Offs qualifiziert hatten, begann der Run auf die Karten für das erste Heimspiel.

In einer Sonderveranstaltung wurden sie neulich abends an der Halle verkauft. Der erste Fan kam kurz nach Mittag. Als die Dämmerung hereinbrach, standen Tausende in Sturm und Schnee vor der Tür. Aus dem ganzen Sauerland und dem Ruhrgebiet. Binnen einer Stunde waren die Tickets weg. "Wir sind voll bis unter das Dach", sagt Mende.

Verein gilt als wirtschaftlich solide, Halle als die lauteste

"Alle sind sehr aufgeregt", bestätigt Adolf Sadowsky. Wenn einer erklären kann, warum, dann ist er das wahrscheinlich. Offiziell ist der 66-Jährige Betriebsleiter der Iserlohner Eissporthalle. Inoffiziell ist er ein Stück Vereinsgeschichte. Und die ist lang. Als die Roosters in den 60er Jahren noch EC Deilinghofen hießen, hat Sadowsky das erste Spiel gesehen. "Da hat es mich sofort gepackt. Weil er von da an "sowieso immer da" ist, wird er Torrichter und Strafzeitnehmer. Später ist er Geschäftsführer des Clubs.

Beliebt ist Eishockey in der Waldstadt da schon lange. Erfolgreich ist es bis in die späten 80er Jahre nur bedingt. Dann kommt Heinz Weifenbach. Einen "Eishockey-Verrückten" hat ihn eine Richterin später genannt, schlicht "Der Heinzi" heißt er bis heute bei älteren Fans. Und oft schieben sie den Satz nach nach: "War 'nen Guten". - "Ohne Weifenbach", glaubt auch Sadowsky, "hätte Eishockey in Iserlohn nicht die Bedeutung, die es heute hat."

Weifenbach, ein Mann des Volkes und Freund des einfachen Wortes, kauft Jahr für Jahr ein neues, teureres Team zusammen, das es 1986 immerhin ins Halbfinale schafft. Als die Unsummen, die er aus eigener Kasse zahlt, dafür nicht mehr reichen, wird das Defizit aufgefangen, indem der Spieler netto, der Fiskus nichts bekommt. Irgendwann reicht selbst das nicht mehr. Da fädelt der gelernte Maurer einen Sponsorenvertrag mit Muammar el-Gaddafi ein, der um die Welt geht. Angeblich gegen Zahlung einer Millionensumme laufen die Iserlohner Eishockey-Cracks mit dem "Grünen Buch" des libyschen Revolutionsführers auf dem Trikot auf, bis deutsche Politiker vehement Protest einlegen. Gaddafi war seinerzeit Feind Nummer eins der westlichen Welt.

Als die Steuerfahndung schließlich bei Weifenbach und dem Verein aufräumt, platzen die großen Träume am Seilersee. Zwei Jahrzehnte schlägt sich die Truppe mehr schlecht als recht durch diverse Ligen. Und auch unter dem neuen Namen "Roosters" krebst die Mannschaft meist im unteren Drittel der Tabelle herum. "Die Fans haben lange auf so ein Erfolgserlebnis gewartet", sagt Sadowsky.

Warum es nun da ist, kann so recht keiner beantworten. "Weil die Mannschaft Charakter hat", heißt es gerne, oder "weil die Neuzugänge Glücksgriffe waren". - "Weil zur Zeit einfach alles passt", sagen die meisten. Anders als früher hat sich der Verein jedenfalls finanziell nicht mehr übernommen. Schwarze Zahlen schreiben die Roosters und gelten in der Liga wirtschaftlich als "beispielhaft solide".

Dienstag treten sie zum ersten Play-Off-Spiel bei den Frankfurt Lions an. Donnerstag ist Play-Off-Premiere am Seilersee. 5000 Fans werden da sein. Die doppelte Zahl wäre gerne gekommen. Die Halle gilt als eine der lautesten der Liga. Toben wird die Menge, wenn die Spieler durch ein Fackelspalier aufs Eis laufen. Und später singen. Davon, dass ihr Herz für das Sauerland schlägt. Oder warnen: "Auf, ihr Blau-Weißen, lasst Euch nicht bescheißen." - "Die Stimmung hier ist einzigartig", schwärmt nicht nur Sadowsky.

Zwei Heimspiele werden die Zuschauer am Seilersee mindestens erleben. Und dann? "Alles ist möglich", sagen Mende und Sadowsky übereinstimmend, scheuen sich allerdings, das Wort "Titel" in den Mund zu nehmen. Die Fans sind nicht so bescheiden. Sie schmücken sich zur Zeit gerne mit einem neuen Schal. "Iserlohn Roosters ...wenn Träume siegen lernen", ist darauf zu lesen.

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