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„In der Küche klappt die Integration“

Der „Genießer“ ist in seinem Blog „Genussbereit“ auf der Suche nach einer neuen Ruhrgebietsküche.

Foto: WAZ

Der „Genießer“ ist in seinem Blog „Genussbereit“ auf der Suche nach einer neuen Ruhrgebietsküche. Foto: WAZ

Bochum. Bochum, Kronenstraße. Auf einem handtuchschmalen Balkon im zweiten Stock steht ein Bistrotisch, am Geländer ranken Petunien, im Hintergrund wogt eine Kastanie. Hier wohnt „der Genießer”, und auf dem Balkon inszeniert er feine Gerichte, die später in seinem Blog „Genussbereit” zu sehen sind. „Der Genießer” ist das andere Ich von Peter Krauskopf, der über die Köche und die Küche des Ruhrgebiets bloggt.

Von Bloggern, also Leuten, die ihre Gedanken und Anliegen ständig im Internet kundtun, hatte der Bochumer Gastrokritiker eigentlich keine hohe Meinung. „Wer bloggt, hat entweder zu viel Zeit oder er ist Missionar.” Zu seinem Erschrecken stellt Krauskopf heute fest, wie viel Zeit er in seine Kunstfigur „Der Genießer” und sein Blog investiert und mit welchem Eifer er das macht. „Jeden Tag ein Artikel, was ganz schön schlaucht, und das Foto dazu soll auch noch gut aussehen”, sagt er.

Wie Krauskopf zum Essen kam, lässt sich am besten anhand einer Kettenreaktion verdeutlichen. Bevor er „der Genießer” wurde, war Krauskopf Chefredakteur des angesagten Szeneblattes Marabo. Irgendwann kümmerte sich der begeisterte Filmliebhaber auch um die neue Gastroredaktion, Marabo starb und Krauskopf entwickelte regionale Gastroführer („Dortmund geht aus”)* und tut das auch heute noch. Die Vereinigung „Slow food” gab ihm den Drall an den eigenen Herd und die Neugier, sich mit regionalen Lebensmitteln und der Revierküche auseinanderzusetzen, und irgendwann regten die „Slow foodies” an, es wäre doch schön, etwas über das hiesige Essen zu lesen. Jetzt informieren sich 10 000 Besucher pro Monat über die kulinarischen Gedanken und Berichte des Genießers – ein Alleinstellungsmerkmal unter den unzähligen Kochblogs.

„Der Genießer” kann auch kochen, rein amateurmäßig, wie er schnell versichert, was aber nach Besichtigung seines Blogs wie eine charmante Untertreibung klingt. Seine Rezepte in „Genussbereit” ordnet Krauskopf nach Kategorien: Sonntagsessen, Ruhrgebietsküche, Auf dem Balkon und Gestern bei Mama. Letztere Kolumne liegt ihm sehr am Herzen. Der Sohn kocht für seine hochbetagte Mutter alte Rezepte nach und beugt sich nach dem gemeinsamen Mahl demütig der Erinnerung der 94-Jährigen: „Früher haben wir das anders gemacht.” Aber natürlich hat es ihr dennoch gemundet. Serviert und fotografiert fürs Blog wird das Gericht auf dem immer gleichen Plastikset, auf dem Balkon setzt Krauskopf seine sommerlichen mediterranen Gerichte in Szene.

Wer meint, Rezepte seien schon genug des Papiers in der Küche, hat Peter Krauskopf unterschätzt. Als studierter Germanist und Publizist nähert er sich dem Thema Genießen mit einer Theorie. „Essen als populäre Kultur – danach messe ich die Sache”, sagt er, und wenn man sich mit ihm übers Kochen unterhält, nimmt die Diskussion manch unerwartete Wendung. Integration, über die man seit Sarrazin so verbissen streitet, habe beim Essen längst funktioniert: „Türkische Küche wird von den Deutschen akzeptiert, Kebap ist eine Erfindung aus Berlin und Gyrospfanne gibt es fertig beim deutschen Metzger zu kaufen. Niemand sagt: Ich koche türkisch – aber sie essen türkisch. Das Essen ist einfach da!”

„Ich stecke mein Geld nicht in teure Küchengeräte“

Es war wohl auch die Neigung zum theoretisch-kulinarischen Überbau – neben dem Frust über die diffuse Identität der Revierküche –, die Krauskopf bewog, ein Manifest für eine neue, moderne Ruhrgebietsküche zu formulieren. Er versteht es als Aufforderung an Köche, die Einflüsse der Zuwanderer aufzunehmen und daraus eine eigenständige Bewegung zu formen, denn „das Ruhrgebiet ist eine kulinarische Diaspora”. Krauskopf kann sich auch richtig aufregen über Klischees wie die Currywurst, die seit einigen Jahren immer wieder als Symbol für die Revierküche angeführt wird. „Jeder Fernsehkommissar muss heutzutage Currywurst essen, und es gibt sie sogar bei Kulturveranstaltungen!”

Solche streitlustigen Sätze könnte man dem Genießer noch einige entlocken: „Die jetzige Elterngeneration kann nicht mehr kochen, Kinder essen heute im Stehen, weil sie gemeinsame Mahlzeiten am Tisch kaum noch kennen, Frauen haben das Kochen aus Protest gegen das überkommene Frauenbild der Gesellschaft aufgegeben.” „Der Genießer” ist gleichzeitig Asket und verzichtet auf sündhaft teure Kaffeemaschinen oder sonstiges High-Tech: „Ich stecke mein Geld nicht in Küchengeräte”, sagt Peter Krauskopf, „sondern bewusst in gute Lebensmittel und gutes Essen.”

* Korrektur des Verfassers: Herr Krauskopf hat an diesem Medium mitgearbeitet, es aber nicht entwickelt. Entschuldigung.

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