Feuerwehr

Ein Job für Enthusiasten

Foto: WR RALF ROTTMANN

Hagen. Die Feuerwehrleute gehen auf die Straße: Rund 800 Teilnehmer werden beim Landesfeuerwehrtag am Donnerstag in Hagen erwartet. Nach Angaben von Verdi befinden sich rund 5000 der 8700 Feuerwehrbeamten in NRW in einem Beförderungsstau.

Es gibt keinen anderen Beruf, der so hoch angesehen ist. „98 Prozent der Bevölkerung stehen hinter der Feuerwehr”, sagt Fachgruppenleiter Ortwin Bickhove-Swiderski aus dem Verdi-Landesbezirk NRW. Doch zugleich gibt es heute immer weniger Männer und Frauen, die diesen Beruf selbst ausüben wollen. „Kein Wunder”, meint er. „Sagen Sie mal einem 28-Jährigen, der bei der Feuerwehr anfangen will, dass er ungefähr mit 48 das erste Mal befördert wird. Und dann nie wieder bis zu seiner Rente.”

Doch es ist nicht nur der Beförderungsstau, der die Feuerwehrleute am Donnerstag beim Landesfeuerwehrtag ab 10 Uhr in Hagen auf die Straße treibt: „Der Frust ist groß, weil die Kollegen merken, es passiert überhaupt nichts”, sagt Bickhove-Swiderski. Zumindest nichts im positiven Sinne. Im Gegenteil: Denn die jetzige Landesregierung habe nicht nur dafür gesorgt, dass Zulagen nicht mehr für die Höhe der Pension zählen, sondern plane auch noch eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit von 60 auf 62 Jahre. Und das bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 48 Stunden. Die steht allerdings nur auf dem Papier der EU-Richtlinie. Denn weil die Städte diese Anforderung personell nicht erfüllen können, arbeiten ihre Feuerwehrleute 54 Stunden in der Woche. In einem Job, der im wahrsten Sinne des Wortes auf die Knochen geht und an den Nerven zerrt.

Martin Graszynski (40), Hauptbrandmeister an der Wache 9 in Dortmund-Mengede und seit 19 Jahren bei der Feuerwehr, hat ein neues Wort kreiert: „Arbeitserwartungs-Stress” nennt er das, was jeder Feuerwehrmann kennt. Und zwar nicht nur dann, wenn er seinen 24-Stunden-Dienst schiebt, sondern auch dann, wenn er frei hat. „Sobald ein Licht angeht oder ein Gong ertönt, springe ich automatisch auf. Das steckt einfach immer drin”, sagt er - und seine Kollegen nicken zustimmend. Aber es ist nicht nur das Gefühl, ständig bereit sein zu müssen, das seine Spuren hinterlässt, oder die Schlafstörungen durch die Schichtdienste, es sind auch die Einsätze selbst. „Die psychischen Belastungen sind enorm”, sagt Graszynski. Dass viele Kollegen darunter leiden, was sie bei Unfällen und Bränden erleben, erfährt der 40-Jährige bei seiner Arbeit im Dortmunder Kriseninterventions-Team. „Die Fälle häufen sich dort.” Und dass viele Feuerwehrleute zwangsläufig Rückenbeschwerden bekommen, weiß jeder, der schon einmal probeweise die Ausrüstungen getragen hat: Allein 17 Kilogramm wiegt das Atemschutzgerät - hinzu kommen Sicherheitskleidung, Helm und natürlich die Arbeitsgeräte selbst. „Laufen Sie damit mal in den achten Stock, wenn es in einem Hochhaus brennt und man den Fahrstuhl nicht benutzen kann”, sagt Brandmeister Matthias Kleinhans (30). Dass künftig auch noch 62-Jährige diesen anstrengenden Beruf ausüben sollen, darüber können er und seine Kameraden nur den Kopf schütteln. „Keiner ist so leistungsfähig, dass er in diesem Alter mit schwerem Atemschutz noch im Einsatz sein kann”, bestätigt Personalrat Friedhelm Bullerdieck (56), seit 35 Jahren bei der Feuerwehr. „Daran sieht man doch, dass das nur wieder eine versteckte Kürzung der Versorgungsbezüge sein soll.” Ob die Politiker denn nicht wissen, was Feuerwehrleute tagtäglich rund um die Uhr leisten? „Klar wissen sie das”, meint Bullerdieck. „Aber es stört sie nicht weiter.”

Vielleicht, räumen seine Kollegen ein, mache man es der Politik auch einfach zu leicht. „Bei uns weiß man, dass wir unseren Beruf gerne machen. Mit Enthusiasmus”, sagt Graszynski nachdenklich. „Und dass wir irgendwie immer alles möglich machen.” 54 Stunden Arbeitszeit etwa - sechs Stunden mehr als laut EU vorgesehen ist. Pro Woche wohlgemerkt. Dafür bekommen die Wehrleute 180 Euro zusätzlich – pro Monat. „Umgerechnet auf 90 Dienstschichten pro Jahr macht das 5,77 brutto pro Stunde”, rechnet der Hauptbrandmeister. Und bilanziert: „Für diese Regelung haben wir uns ganz schön billig einkaufen lassen.” Deswegen verlangen die Feuerwehrleute auch, dass sie angemessen bezahlt werden, wenn jene Option, die zum Jahresende eigentlich ausläuft, verlängert werden sollte.

Mit einer ausreichenden Personalausstattung, um die EU-Regelung umzusetzen, können sie jedenfalls nicht rechnen. Denn schon jene 24 Stellen, die zum 1. Oktober in Dortmund neu besetzt werden sollen, sind ein Problem. „Von 1000 Bewerbern haben sich nur 600 für den schriftlichen Test qualifiziert. Und von denen haben nur 69 bestanden”, listet Bullerdieck auf. Aus diesem Rest der Bewerber wiederum blieben nur 38, die danach den sportlichen Test bestanden haben. Und ob überhaupt 24 von ihnen nach dem persönlichen Gespräch übrigbleiben, scheint fraglich. „Es wird einfach immer schwieriger, überhaupt noch geeignete Leute zu finden”, sagt Bullerdieck.

Das bestätigt auch Verdi-Fachgruppenleiter Ortwin Bickhove-Swiderski. „Die Bedingungen schrecken viele ab. Die denken sich: Da bleibe ich lieber ein guter Handwerker.”

Und doch: Nicht nur diejenigen, die auf der Wache 7 in Mengede ihren Dienst schieben, machen ihren Job gerne. „Es ist eine persönliche Herausforderung”, sagt Matthias Kleinhans. „Mir gefällt die Teamarbeit und dass man so viel mit Menschen zu tun hat”, sagt Oberbrandmeister Klaus Bintzik (39). „Mir gefällt die Verantwortung, die man übernimmt”, sagt Martin Graszynski, „und ich weiß, dass man was Vernünftiges macht. Auch wenn es sich doof anhört.” Nein, tut es nicht.

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