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Der Vodafone-Chef plant die Revolution per SIM-Karte

Hannes Ametsreiter auf einem vernetzten Motorroller vor der Vodafone-Zentrale in Düsseldorf.

Foto: Lars Heidrich

Hannes Ametsreiter auf einem vernetzten Motorroller vor der Vodafone-Zentrale in Düsseldorf. Foto: Lars Heidrich

Düsseldorf.  Vodafone-Deutschland-Chef Ametsreiter will alles vernetzen – Motorräder, Güterwaggons und sogar Mülleimer. Ein Interview über die Digitalisierung

Weil der Mobilfunkmarkt in Deutschland an seine Grenzen stößt, suchen die Branchenriesen nach neuen Geschäftsfeldern, etwa im TV-Markt und in der Industrie 4.0. Einen Blick in die Zukunft warf Hannes Ametsreiter, Chef von Vodafone Deutschland, im Gespräch mit Frank Meßing.

Herr Ametsreiter, Vodafone entwickelt das autonome Fahren mit und vernetzt Kaffeemaschinen. Sind Sie überhaupt noch ein Telekommunikationskonzern?

Hannes Ametsreiter: Mit unseren schnellen Netzen sind wir ein Innovationstreiber für die digitale Zukunft, der Deutschland den Weg in die Gigabit-Gesellschaft bereitet. Dazu gehört superschneller Mobilfunk ebenso wie ein superschnelles Festnetz. Dazu gehört Fernsehen – und natürlich das Internet der Dinge, also die Vernetzung von Maschinen. Wir erleben gerade eine der größten Industrierevolutionen – basierend auf dem Internet. Sie schafft riesige Möglichkeiten. Für all diese Entwicklungen will Vodafone der Innovationstaktgeber sein.

Großflächige Vernetzungen erzeugen aber auch Ängste vor Überwachung und Arbeitsplatzabbau.

Unsicherheit erzeugt immer Respekt. Das haben wir beim Umstieg von der Pferdekutsche auf das Auto erlebt, bei der Erfindung der Dampfmaschine und des Buchdrucks. Das waren echte Schübe. Jetzt erleben wir das mit der Digitalisierung. Alle Beteiligten müssen sich früh mit diesen Schüben beschäftigen. Angst war noch nie ein guter Ratgeber. Bildung war das immer. Hier müssen wir handeln: Warum wird Programmiersprache nicht unsere erste Fremdsprache? In diesem Bereich werden viele neue Jobs entstehen. Und: Digitalisierung macht die Welt auch sicherer. Das autonome Fahren wird 90 Prozent der Unfälle vermeiden. Das rettet Menschenleben. Die Welt ist im Wandel.

Experten sagen, dass sich der hiesige Mobilfunkmarkt allmählich sättigt. Was bedeutet das für Ihren Konzern?

Der Mobilfunk hat noch sehr große Wachstumschancen. Wir haben derzeit eine SIM-Karten-Durchdringung von 140 Prozent pro Einwohner. Ich glaube, dass wir locker auf 500 Prozent kommen können, weil wir SIM-Karten in Maschinen, Autos, Motorräder und Fahrräder einbauen werden. Derzeit gibt es weltweit sechs Milliarden SIM-Karten, mit denen man Gegenstände steuern kann. Bis zum Jahr 2020 wird sich diese Zahl nach konservativen Schätzungen vervierfachen. Optimisten gehen sogar bald von bis zu 500 Milliarden vernetzten Geräten aus. Das schafft ganz neue Möglichkeiten.

Auf der Technikmesse Cebit präsentieren Sie den ersten vernetzten Motorroller. Welche Vorteile bietet die eingebaute SIM-Karte?

Die Telematik-Box haben wir selbst entwickelt und in unserer eigenen Fabrik gebaut. Sie bietet Möglichkeiten wie Diebstahlschutz, Wegfahrsperre, Ortung, Fahrtenbuch und Geschwindigkeitsbegrenzung. All diese Funktionen kann der Besitzer des Rollers über eine App auf seinem Smartphone steuern. Yamaha bringt die vernetzten Motorroller ab April in den Handel. Bei Autos ist die Vernetzung schon weiter verbreitet. Daten sind der Treibstoff fürs Auto der Zukunft. Und die Datenautobahnen sind seine Infrastruktur. Wir arbeiten heute schon mit 30 Herstellern zusammen. Jeder Porsche ist inzwischen mit einer Telematik-Box von Vodafone ausgestattet. In einem nächsten Schritt wollen wir die Vernetzung auch für Elektrofahrräder anbieten.

In Düsseldorf haben Sie gerade ein Labor eröffnet, in dem auch funkende Mülleimer auf Bahnhöfen getestet werden. Leeren diese sich bald von allein?

Das leider noch nicht. Aber sie sprechen – mit der Bahn. Die Mülleimer melden, wenn sie voll sind und geleert werden müssen. So kommt der Reinigungsservice nicht mehr auf Verdacht, sondern wenn’s nötig ist. Oder überfällig wie nach großen Fußballspielen. Möglich macht das eine integrierte SIM-Karte, die in unserem neuen Maschinen-Netz funkt. Das kommt sogar in Keller und Tiefgaragen, wo Mobilfunk sonst nicht hinkommt. Wir testen auch vernetzte Güterwaggons der Bahn, damit sie geortet werden können. Das alles optimiert die Logistik, spart Kosten und erhöht den Service. Bei einem überschaubaren Aufwand sind die Möglichkeiten riesengroß.

Macht es Sinn, wirklich alle Dinge zu vernetzen?

Grundsätzlich ja. Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Wir könnten auch eine SIM-Karte in die Kaffeetasse einbauen, aus der Sie gerade trinken. Wenn sie leer ist, wird das sofort unseren Servicekräften gemeldet, die dann nachschenken. In unserem Düsseldorfer Labor entwickeln wir gemeinsam mit der Stadt, Konzernen und Start-ups auch Lösungen für die smarte City: Straßenlaternen, die nur bei Verkehr brennen oder freie Parkplätze, die sich selbstständig melden. Rund um den Düsseldorfer Campus testen wir das teilautonome Fahren. Und wir bilden Programmierer aus. Damit bringen wir die neuesten Technologien nach NRW.

Die wachsende Bedeutung des Internets setzt schnelle Datennetze voraus. Sie haben in der Vergangenheit nicht mit Kritik an der Ausstattung hierzulande gespart.

Skandinavien, aber auch Spanien und Portugal sind uns derzeit weit voraus. Allein Spanien hat bereits 41% aller Haushalte an Glasfaser angeschlossen, bis 2020 soll die Abdeckung sogar bei 95% sein. Wir in Deutschland dümpeln mit 1,7% am unteren Ende herum – weil die Förderung noch nicht die richtigen Anreize setzt. Warum sagt man nicht: In Deutschland fördern wir nur noch gigabitfähige Netze? Wer diese auch für Kommunen fördert, setzt auch lokal massive Anreize.

Warum das?

Wenn Kommunen Kabelschächte gefördert bauten, würden wir diese langfristig mieten können – das wären massive und langfristige Verdienstmöglichkeiten für Gemeinden und Städte. Und es triebe Glasfaser voran. Denn: Ohne Glasfaser kein 5G. Ohne 5G keine Gigabit-Geschwindigkeit. Ohne Gigabit-Geschwindigkeit keine Gigabit-Gesellschaft.

Halten Sie der Digitalisierung zum Trotz an Ihrem Filialnetz fest?

Unsere Shops werden auch künftig eine große Rolle spielen. Es wird immer wichtiger, neue Technik zu erklären und vor Ort vorzuführen. Wir beobachten aber auch, dass junge Leute lieber online bestellen. Wir wollen da sein, wo unser Kunde uns haben will – ob im Shop, am Telefon oder im Netz.

>>> Die privaten Netz-Pioniere

Hannes Ametsreiter (50) leitet Vodafone Deutschland seit 2015. Vorher war der gebürtige Salzburger sechs Jahre lang Chef der Telekom Austria.
Vodafone Deutschland hat aktuell 43,7 Millionen Mobilfunk-Karten ausgegeben und 6,1 Millionen Festnetz-Kunden. Keimzelle von Vodafone Deutschland war das erste private Mobilfunknetz D2 von Mannesmann, das Vodafone im Jahr 2000 übernahm.

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