Euthanasie

Lebensgeschichten gegen das Vergessen

Gedenkfeier an Euthanasie-Verbrechen auf dem LWL-Gelände

Foto: Elisa Sobkowiak

Gedenkfeier an Euthanasie-Verbrechen auf dem LWL-Gelände Foto: Elisa Sobkowiak

Warstein.   Warstein gedenkt der Opfer des Nazi-Terrors

1575 – so viele Menschen wurden in den Jahren 1941 bis 1943 aus der Heil- und Pflegeanstalt auf dem heutigen LWL-Gelände deportiert, fielen schutzlos den grausamen Holocaust-Verbrechen zum Opfer. Eine große Zahl, die dennoch nicht wirklich berühren kann, weil sie anonym ist, kaum greifbar oder gar vorstellbar.

„Namen und Lebensgeschichten berühren hingegen schon. Da läuft mir jedes Mal ein kleiner Schauer über den Rücken, wenn wir mehr über personalisierte Schicksale erfahren“, zeigte sich Bürgermeister Thomas Schöne auf der alljährlichen Gedenkfeier an der Treise-Kapelle betroffen. Er selbst habe nun für eines der Opfer eine Patenschaft übernommen. Für einen der hell leuchtenden Namen auf der Gedenktafel in der kleinen Kapelle der LWL-Einrichtungen.

Gotteshaus als Gedenkstätte

„Wir wissen nicht viel von ihnen, aber keiner diese Menschen ist namenlos – denn diese Partnerschaften geben den Opfern einen Teil ihrer Würde zurück“, ist Schöne überzeugt.

Seit 1985 fungiert das kleine Gotteshaus als Gedenkstätte, seit rund 20 Jahren wird sich jedes Jahr am Totensonntag im Rahmen einer Feierstunde gemeinsam erinnert. 2012 wurde das Mahnmal um eine interaktive Gedenktafel mit allen 1575 Namen der Opfer erweitert.

„Die Vergangenheit darf nicht vergessen werden, wir müssen uns daran erinnern, damit so etwas nie wieder passiert“, waren sich Doris Gerntke-Ehrenstein, Leiterin des LWL-Wohnverbunds Warstein, und Magnus Eggers, Pflegedirektor der LWL-Kliniken Warstein und Lippstadt, über die Wichtigkeit der Gedenkstunde unmittelbar an dem Ort des Geschehens einig.

Und genau diese persönlichen Schicksäle waren es, die die Besucher vor der Treise-Kapelle frösteln ließen. Frösteln weniger wegen des starken Windes auf dem Gelände am Sonntag Morgen, sondern vielmehr wegen der Zeitzeugenberichte, die einige Verwandte der Euthanasie-Opfer mitgebracht und mit denen sich auch Schüler der Gymnasien Warstein und Rüthen zuvor intensiv beschäftigt hatten.

Schweigen in den Familien

Edward Wieand, Heilpädagoge aus Bielefeld-Sennestadt, als Neffe des Euthanasie-Opfers Erna Kronshage etwa gab einen Gesamtüberblick über das Leben seiner Tante, auch wenn er sie nicht habe persönlich kennen lernen können: „Das Schweigen in unserer Familie hat dann vor 30 Jahren meine Neugier geweckt“, berichtete Wieand von seiner Spurensuche in der Vergangenheit. Gebannt lauschten die Zuhörer seinem Bericht, ein ganz normales Mädchen mit guten Schulnoten sei seine Tante gewesen, das seine Eltern bei der Arbeit auf dem eigenen Bauernhof unterstützt habe.

Bis sie im jugendlichen Alter ein „aufmüpfiges“ Verhalten entwickelte und ihr nach einer hausärztlichen Untersuchung Schizophrenie diagnostiziert wurde. Unter anderem mit der sogenannten „Schocktherapie“ wurde sie behandelt, 1943 dann wegen ihrer „Krankheit“ zwangssterilisiert. Ein Jahr später kam sie gewaltsam in der Gauheilanstalt Tiegenhof im besetzten Polen ums Leben. Ebenso unbegreiflich und berührend der Vortrag einiger Warsteiner Gymnasiasten: Sie hatten sich mit einem Zeitzeugenbericht einer einstigen Ordensschwester aus Warstein beschäftigt, die eine der Deportationen dokumentiert hatte.

Trompetensolo

Weit über das Gelände hinaus wurden vom Wind die Klänge der Bläsergruppe der LWL-Einrichtungen Warstein getragen, ebenso wie das Trompetensolo von Giulia Turek, einer Ur-Großenkelin eines Euthanasie-Opfers aus Warstein (einen ausführlichen Bericht bringt die WP in ihrer Ausgabe am Dienstag), die die Gedenkfeier musikalisch auf würdige Art mitgestalteten. Symbolisch so weit hinaus getragen, wie auch die Grausamkeit des Holocausts – für die Erinnerung, gegen das Vergessen.

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