Kirche

Katholische Kliniken in Köln wiesen Vergewaltigungsopfer ab

Die katholische Klinik St. Vinzenz in Köln steht im Brennpunkt der Kritik. Ärzte sollen dort ein Vergewaltigungsopfer abgewiesen haben, weil sie nicht die 'Pille danach' verabreichen wollten.

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Die katholische Klinik St. Vinzenz in Köln steht im Brennpunkt der Kritik. Ärzte sollen dort ein Vergewaltigungsopfer abgewiesen haben, weil sie nicht die 'Pille danach' verabreichen wollten. Foto: dpa

Köln/Essen/Dorsten/Düsseldorf.  Zwei katholische Kliniken in Köln haben sich geweigert, eine junge Frau nach einer Vergewaltigung zu behandeln. Der Klinikträger bestätigte am Donnerstag einen entsprechenden Medienbericht. Der genaue Sachverhalt werde jetzt intern untersucht.

Werden Vergewaltigungsopfer in katholischen Kliniken in Köln nicht behandelt? Dieser Verdacht steht nun im Raum. Es geht um den Fall einer 25-jährigen Frau, der jetzt bekannt geworden ist. Sie war im vergangenen Dezember auf einer Party in der Kölner City mit K.o.-Tropfen betäubt und dann offenbar vergewaltigt worden. Um mögliche Tatspuren zu sichern, wollte die Frau auf Anraten einer Notärztin sich in zwei katholischen Kliniken gynäkologisch behandeln lassen. Die Kliniken aber wiesen das Vergewaltigungsopfer ab.

"Das hätte nicht passieren dürfen", sagt Susanne Bieber, Bereichsleiterin der Krankenhäuser der Hospitalvereinigung St. Marien GmbH, um die es nun geht. Bieber bestätigte, dass im vergangenen Dezember ein Vergewaltigungsopfer in wohl zwei katholischen Kliniken mit Geburtsabteilung, die in Köln zum Verbund der Hospitalvereinigung ("Cellitinnenhäuser") gehören, von dortigen Ärzten abgewiesen worden war. Der Klinikbetreiber erklärte am Nachmittag, Grund der Abweisung sei "ein Missverständnis" gewesen. Das Erzbistum Köln stellte klar: "Auch in katholischen Krankenhäusern erhalten die betroffenen Frauen die notwendige Heilbehandlung; dazu gehört gegebenenfalls auch eine volle Kooperation mit der Anonymen Spurensicherung".

Keine 'Pille danach' in katholischen Kliniken

Die beiden betreffenden Kliniken - das Sankt Vinzenz-Hospital im Kölner Stadtteil Nippes und das Heilig Geist-Krankenhaus in Köln-Longerich - werden von der Hospitalvereinigung St. Marien GmbH getragen, die wiederum zur katholischen Stiftung Cellitinnen zur hl. Maria gehört. Insgesamt hat der Verbund zehn Krankenhäuser in Köln und Wuppertal.

Bei der Krankenhausgesellschaft NRW ist man betrübt über den Vorfall. Ein Sprecher erklärte am Donnerstag auf Anfrage, "jedes Opfer einer Vergewaltigung muss zur Spurensicherung in Krankenhäusern behandelt werden." Im Kölner Fall sollen die diensthabenden Ärzte die Behandlung verweigert haben, weil diese dann zwangsläufig mit einem Schwangerschaftsabbruch verbunden gewesen wäre, dem sich die katholische Kirche verweigert. Konkret geht es darum, ob der jungen Frau auch die sogenannte 'Pille danach' hätte verabreicht werden müssen - ein ethisch umstrittenes Thema. Aus Sicht der Krankenhausgesellschaft "ist die 'Pille danach' Sache des jeweiligen Krankenhausträgers". Der Verband der Frauenärzte in Deutschland weist mit Blick auf niedergelassene Ärzte darauf hin, "dass jeder Arzt das Recht hat, einen Schwangerschaftsabbruch zu verweigern".

"Kommunikationspanne" Grund für Abweisen von Verwaltigungsopfer? 

Bei den Cellitinnenhäusern verweist Krankenhausleiterin Susanne Bieber darauf, dass erst im vergangenen November Leitlinien zu derartigen Fällen verabschiedet worden seien. Diese "sichern eine vollumfängliche Erstversorgung von Vergewaltigungsopfern zu". Das heißt: "Unsere Ärzte hätten selbstverständlich alles Notwendige tun sollen, um Verletzungen zu untersuchen und möglich Vergewaltigungsspuren zu sichern", sagt Bieber. Die Pille danach allerdings will man in den katholischen Krankenhäusern nicht verabreichen oder verschreiben. Eine solche "Notfallkontrazeption" diene schließlich dazu, eine Schwangerschaft zu verhindern, falls vor dem Geschlechtsverkehr keine Verhütungsmittel eingenommen oder genutzt wurden.

Beim Krankenhausverbund wird nun vermutet, dass der Fall "auf einem Kommunikationsproblem zwischen der Ärztin der Notfallpraxis und den Ärzten in den Kliniken" beruhen könnte. Susanne Bieber: "Wir wissen nichts von einem expliziten Verbot zu Behandlungen von Vergewaltigungsopfern bei uns". Genaueres werde nun intern untersucht, sagt Susanne Bieber. Dazu sei am Donnerstagmorgen eine Krisensitzung einberufen worden.

Vergewaltigungsopfer wurde schließlich in evangelischem Krankenhaus versorgt

Der Kölner Polizei ist bisher nur bekannt, dass das Vergewaltigungsopfer von einer der katholischen Kliniken in der Stadt mit Geburtsabteilung abgewiesen worden sei. Der Fall geschah am Abend des 15. Dezember 2012 gegen 20 Uhr. Die 25-Jährige hätte von sich aus ein Krankenhaus aufgesucht, das allerdings keine gynäkologische Fachabteilung gehabt hätte. Von dort aus sei versucht worden, die Frau an die nächst gelegene Klinik mit Gynäkologie zu verweisen. Dabei sei dann auch die Polizei eingeschaltet worden, erklärte Sprecherin Dorothe Goebel auf Anfrage.

Weil das katholische Krankenhaus die Patientin nicht aufnehmen wollte, habe man die junge Frau im evangelischen Krankenhaus in Köln-Kalk untersuchen lassen: "Dort wurde alles Notwendige gemacht", sagte die Polizeisprecherin. "Wir sind noch nie von einem Krankenhaus in einem Vergewaltigungsfall abgewiesen worden", erklärt sie. Katholische Kliniken würden für die Erstversorgung von Vergewaltigungsopfern von der Polizei im Übrigen gewöhnlich nicht aufgesucht: "Wir fahren in der Regel die städtischen Krankenhäuser an oder das Uni-Klinikum".

In Essen und Mülheim arbeitet die Polizei mit der Frauenklinik am Uni-Klinikum, die in den meisten der Fälle Vergewaltigungsopfer untersucht. Frauen würden von Polizisten zur Klinik begleitet, die allerdings nicht die Untersuchung selbst verfolgen, erklärt eine Sprecherin. Vergewaltigungsspuren müssten "gerichtsfest" dokumentiert werden; Verletzungen seien zu beschreiben und würden auch mit einem Fotoapparat der Polizei fotografisch festgehalten. Im Prinzip aber "kann das jedes Krankenhaus machen", heißt es bei der Polizei.

Katholisches Krankenhaus in Dorsten will 'Pille danach' nicht ausschließen 

In Nordrhein-Westfalen gibt es nach Zahlen der Krankenhausgesellschaft NRW insgesamt 173 Krankenhäuser katholischer Träger. Ihr Anteil unter den insgesamt 401 Krankenhäusern zwischen Rhein und Weser liegt bei 67 Prozent und ist damit deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 37 Prozent. Wohl in den meisten der katholischen Kliniken dürfte die Frage der "Notfallkontrazeption" bei Vergewaltigungsopfern als Tabu verstanden werden, glaubt Ulrich Lota, Sprecher des Bistums Essen: "Die katholische Kirche lehnt die Abtreibung ab". Im Bereich des Bistums Essen jedenfalls sei davon auszugehen, dass die 'Pille danach' in den dortigen 16 Kliniken in katholischer Trägerschaft nicht verabreicht würden.

Einzelne katholische Kliniken in NRW weichen von dieser Linie offenbar ab. So ist es am St. Elisabeth Krankenhaus in Dorsten nach Aussage von Sprecherin Angelika Rütten nicht grundlegend ausgeschlossen, dass dort die 'Pille danach' verabreicht werden könnte: "Jeder Fall wird von uns im Einzelfall entschieden", betont Rütten: "Unsere Ärzte geben sich große Mühe, die ethischen und moralischen Gründe genau zu prüfen". Inwieweit es in der Vergangenheit konkrete Fälle gab, vermag Rütten aber nicht zu sagen. Knackpunkt bei der ethischen Beurteilung der 'Pille danach' ist die Frage ihrer Wirkung. Gegner sehen sie als Mittel zur Frühabtreibung, Befürworter heben hervor, sie diene letztlich in erster Linie der Notfallversorgung.

Pille danach wirkt noch bis zu fünf Tage später

Für das Erzbistum Köln erklärte Sprecher Christoph Heckeley am Donnerstag, dass die Verabreichung der 'Pille danach' in den katholischen Kliniken im Gebiet des Erzbistums grundsätzlich ausgeschlossen sei. Sie würde den ethischen und moraltheologischen Grundsätzen der Kirche widersprechen. Die Spurensicherung sei allerdings zugelassen. Auch auf Facebook hat das Erzbistum dazu am Mittag eine Erklärung veröffentlicht und damit eine heftige Debatte ausgelöst. In einem der mehreren Dutzend Kommentare heißt es: "Es kann einem doch nicht wirklich jemand erzählen wollen, dass in 2 Krankenhäusern aus dem gleichen Laden das gleiche "Missverständnis" auftritt". Ein anderer merkt an: "Gerade in medizinischen Berufen sollte das Wohl des Patienten im Vordergrund stehen, nicht der eigene Glaube".

Beim Verbund Katholischer Kliniken Düsseldorf (VKKD), ebenfalls zum Erzbistum Köln zählend, hat man entsprechende "Kontrazeptriva" zur nachträglichen Schwangerschaftsverhütung in seinen sieben Einrichtungen grundsätzlich gar nicht erst vorrätig: "Kontrazeptiva werden in den Einrichtungen und Notfallambulanzen des VKKD weder vorgehalten noch verabreicht", erklärt VKKD-Sprecher Martin Schicht. "Alle eingelieferten Notfälle" würden "entsprechend der medizinischen Standards behandelt. Dazu gehören selbstverständlich auch Opfer sexueller Gewalt". Sollten Patientinnen darauf bestehen, eine 'Pille danach' zu bekommen, müssten sie sich an andere ärztliche Stellen wenden, erklärt Schicht: "Die Entscheidungsoption der Patientin sind nicht eingeschränkt, da entsprechende Präparate bis zu 120 Stunden nach dem Ereignis eingenommen werden können".

Parteien werfen katholischer Kirche "zynische Moral" vor

Sven Lehmann, Vorsitzender der NRW-Grünen, kritisierte am Donnerstag die Kirche scharf: "Der Fall in Köln zeigt einmal mehr die zynische Moral der katholischen Kirche, in deren Trägerschaft die Krankenhäuser stehen." Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft solle die Betriebserlaubnis entzogen werden, wenn sie Menschenrechte wie das Recht auf erste Hilfe ablehnten, forderte Lehmann. Ähnlich äußerten sich auch die Grünen im Landtag. Sie kündigten an, das Thema im Gesundheitsausschuss anzusprechen.

Die Fraktion der Piratenpartei teilte mit: "Wer den Glauben über den Opferschutz stellt, hat das mit den Menschenrechten nicht verstanden." Die Partenfraktion habe die Landesregierung in einem Eilantrag dazu aufgefordert, sich strikt gegen solche Praktiken auszusprechen und die Hintergründe des Vorfalls aufzuarbeiten. Der Kölner Piratenabgeordnete Daniel Schwerd forderte: "So etwas darf sich nicht mehr wiederholen".