Streit um Gemeinnützigkeit

Misstöne hinter den Kulissen

Udo Wagener, Stefan Kronenberg und Waldo Riedl zum 40-jährigen Bestehen des domicil. Foto: Franz Luthe

Foto: Franz Luthe

Udo Wagener, Stefan Kronenberg und Waldo Riedl zum 40-jährigen Bestehen des domicil. Foto: Franz Luthe Foto: Franz Luthe

Dortmund.  „Die regionale Szene wird im domicil nicht richtig gefördert“, wirft Ehrenvorstand Werner Wicke dem Clubvorstand vor. Geschäftsführer Waldo Riedl sieht das ganz anders. Kritik kommt allerdings auch von Dortmunder Musikern.

Stunk hinter den Kulissen des domicil: Ehrenvorstand Werner Wicke wirft dem Club vor, es mangele an der Förderung der regionalen Jazzer und die Gemeinnützigkeit sei nicht gegeben. Vorwürfe, die Waldo Riedl, Geschäftsführer des domicil, von sich weist.

Zu wenig Dortmund?

„Die regionale Szene wird im domicil nicht richtig gefördert – es treten kaum noch Musiker von hier auf. Stattdessen werden lieber Partys gefeiert “, sagt Werner Wicke, der vor Waldo Riedl die Geschicke des Clubs am alten Standort lenkte. Seiner Einschätzung nach verfolge das von der Stadt geförderte domicil somit kein „künstlerisch-gestalterisches Konzept im Sinne der Gemeinnützigkeit“.

Harte Kritik – gegen die Waldo Riedl, Geschäftsführer des domicil, angeht: Die Gemeinnützigkeit des Vereins sei unbestritten und definiere sich qua Satzung nicht durch die Förderung der regionalen Szene. „Wir machen das, weil wir das für richtig halten – nicht, weil wir es müssen.“ Für „qualitativ hochwertige Jazzmusik ist immer Platz“, bekräftigt der Dortmunder Musiker Frank Scheele. Bei mindestens der Hälfte der 200 bis 250 Konzerte im Jahr seien regionale Musiker beteiligt, zählt Riedl auf. Das domicil habe ein abgestuftes Konzept: von den offenen Monday Night Sessions über die domicil-Band The Dorf bis zu eigenen Konzerten.

Zu wenig Nachwuchs?

„Die Sessions sind lobenswert und eine Chance für junge Musiker, sich auszuprobieren“, sagt Jazzmusiker Uli Beckerhoff. „Aber sie bieten keine berufsbildende Perspektive.“ Der Professor an der Folkwang-Jazzabteilung kritisiert, dass der Nachwuchs nach Verlassen der Hochschule im domicil kaum die Chance zu professionellen Konzerten bekomme. Ähnlich sieht es auch Jochen Schrumpf, Leiter der Glen Buschmann Jazzakademie: „Neben den Sessions fände ich es persönlich toll, wenn der Nachwuchs mehr unter seinem eigenen Namen spielen könnte, um sich ein Profil aufzubauen.“

Ein Ziel, das auch Waldo Riedl verfolgt – bei dem er aber auch Grenzen sieht: „Bei jungen Bands können wir nicht von einer Refinanzierbarkeit ausgehen, wenn nur 20 Zuschauer kommen.“

Zu wenig Gage?

Die Finanzen sind ein weiterer Knackpunkt in Werner Wickes Kritik: „Subversiv und subtil“ grenze das domicil Teile der deutschen Jazzszene etwa durch geringe Gagen aus. Eine Dortmunder Musikerin, die aus Angst vor Einschränkungen bei Auftrittsmöglichkeiten anonym bleiben will, erklärt: „Es gibt wenige Chancen aufzutreten, und wenn, dann häufig gratis oder zu einem Preis, von dem man nicht leben kann. Man macht es dann trotzdem, um spielen zu können.“ Dass „unter der Schmerzgrenze“ verhandelt werde und die „Gagen eher beleidigend“ seien, sagt auch Trompeter Ulrich Beckerhoff.

Jochen Schrumpf hat sich „längst andere Standbeine gesucht, weil ich nicht bereit bin, für so wenig zu spielen oder das Risiko allein zu tragen“ – gleichzeitig sei das Problem der Bezahlung ein allgemeines in der Jazzszene und nicht ein spezielles des domicil. „Die Möglichkeiten, eine ordentliche Gage zu bekommen, sind generell begrenzt“, unterstützt Ilona Haberkamp vom „Trio Multicolore“. Und Percussionist Christoph Haberer weiß, dass kaum ein Jazzer allein von Konzerten leben kann.

Waldo Riedl selbst räumt ein, im domicil „keine Spitzengagen“ zu bieten. „Aber wir sind einer der wenigen Clubs, die überhaupt noch zahlen. Unser Budget ist begrenzt – und wir haben entschieden, breit zu streuen und eher zehn als nur fünf Konzerte anzubieten.“

Rechtsanwalt eingeschaltet

Nichtsdestotrotz will Werner Wicke bei der Mitgliederversammlung am heutigen Donnerstag ein Misstrauensvotum beantragen, damit ein neuer Vorstand gewählt werden könne. Waldo Riedl hingegen erklärt, dass alle Kritikpunkte ausgiebig im Verein diskutiert worden seien und es keinen weiteren Tagesordnungspunkt dazu gebe: „Das Thema ist durch.“ Vielmehr hat der Vorstand des domicil inzwischen wegen übler Nachrede und der Behauptung falscher Tatsachen seitens Wicke einen Rechtsanwalt eingeschaltet.

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