Borussia Dortmund

Eine Reise in die Zeit, als der BVB noch falsche Farben trug

So könnte das erste Mannschaftsfoto von Borussia Dortmund ausgesehen haben: blau-weiß mit roter Schärpe.

Foto: Stefan Reinke

So könnte das erste Mannschaftsfoto von Borussia Dortmund ausgesehen haben: blau-weiß mit roter Schärpe. Foto: Stefan Reinke

Dortmund.  Ein Filmprojekt soll tief in die Gründungsgeschichte von Borussia Dortmund eintauchen. Dazu stellten am Wochenende Hobbyfußballer historische Spiele des BVB nach. In detailgetreuen Trikots spielten sie Fußball wie vor 100 Jahren. Der Film soll zum Geburtstag des BVB im Dezember ins Kino kommen.

Ein nasskalter Sonntagmorgen im November. Auf dem Vorplatz des Dortmunder Fußballtempels suchen 52 junge Männer Schutz vor dem Regen. Heute wird ein Traum wahr: Sie werden für den BVB spielen. Doch jetzt warten sie erst mal auf einen Bus. Nicht auf irgendeinen, sondern auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund. Die Luxuskarosse, in der sonst die Edelkicker des BVB reisen, gehört an diesem Sonntag der U17-Mannschaft von Westfalia Huckarde und den Kreisliga-Kickern des FC IAOWL Schwerte. Sie sollen die Ur-Ur-Großväter der heutigen BVB-Profis darstellen. Der Mannschaftsbus ist ihre Zeitmaschine und bringt sie in die Jahre 1911 und 1913. In eine Zeit, als der Fußball noch als "rohes Treiben" und "undeutsche Fußlümmelei" bezeichnet wurde.

Hintergrund ist die von den drei Journalisten und glühenden BVB-Fans Jan-Henrik Gruszecki, Marc Quambusch und Gregor Schnittker konzipierte und mittlerweile fast abgedrehte Dokumentation „Am Borsigplatz geboren – Franz Jacobi und die Wiege des BVB“. Der Film soll die Gründungsgeschichte von Borussia Dortmund aufrollen. Per Crowdfunding sammelten die Macher rund 260.000 Euro und stellten somit eines der finanziell erfolgreichsten deutschen Crowdfunding-Projekte überhaupt auf die Beine.

Der BVB-Chronik einige Hundert Seiten hinzugefügt

Mit Akribie und Liebe zur Borussia machte sich das Trio auf die Suche nach Spuren aus den Anfangstagen des heute so großen BVB. Sie befragten Historiker, Fußballkenner und auch Nachfahren der Gründer um Franz Jacobi, der prägenden Figur der BVB-Gründerzeit. „Wir haben der BVB-Chronik einige Hundert Seiten hinzugefügt“, so Gruszecki. Was genau die drei Journalisten herausgefunden haben, verraten sie noch nicht – Filmpremiere soll am 19. Dezember 2014 sein, dem 105. Geburtstag des BVB. (Inzwischen wurde die Premiere auf Mitte März 2015 verschoben, Anm. d. Red.)

Bis dahin müssen die drei Projektleiter noch viel arbeiten. Der Film wird bereits geschnitten, die Tonspur ist im Kasten. Doch einige unverzichtbare Sequenzen fehlen noch: Bewegtbilder der ersten fußballerischen Gehversuche des Ballspielvereins Borussia. Die sollen jetzt, am zwölften Drehtag, entstehen. Vorlagen, wie die Jagd nach dem runden Leder zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgesehen hat, gibt es kaum. Besonders virtuos war das Spiel damals wohl noch nicht. Gruszecki bringt es beim Briefing der Spieler auf den Punkt: „Ihr spielt mit zwei Verteidigern, drei Mittelfeldspielern und fünf Stürmern und immer durch die Mitte!“

Ein halbes Jahr lang nach dem richtigen Platz gesucht

Stilistisch erinnerte der Fußball der damaligen Zeit eher an das Gebolze von heutigen Schulkindern. Keine Linien, keine Eckfahnen, dafür jede Menge wildes Gerenne. Entsprechend hatte der Rasen zu leiden, wodurch die Suche nach einem geeigneten Platz für die Dreharbeiten erheblich erschwert wurde.

Etwa ein halbes Jahr hat es gedauert, bis ein Set gefunden wurde, der allen Ansprüchen genügte. „Hätten wir einen normalen Fußballplatz gewählt, hätten wir Rollrasen verlegen müssen“ erklärt Gruszecki. Also sollte es eher eine Wiese sein. Doch die bieten in Dortmund allzu oft einen Ausblick auf Gasometer, Hochhäuser oder andere Bauwerke, die es vor 100 Jahren noch nicht gab. Historische Fotos zeigen außerdem, dass die „Weiße Wiese“, auf der die Borussia ihre ersten Spiele austrug, von Pappeln gesäumt war. Schließlich machte sich ein Scout auf die Suche nach einem passenden Ort. Im niederrheinischen Willich wurde er fündig: Der örtliche Rhein Polo Club Düsseldorf bietet das passende Panorama, einen robusten, tiefen Rasen, auf dem sich die Fußballer so richtig austoben können – und Pappeln.

Keine Piercing, keine Tatoos – dafür blau-weiße Trikots 

Als der große, schwarze Bus das Club-Gelände erreicht, ist dort bereits alles hergerichtet. Die Kostümbildner Sonja Sbano sowie Christiane und Joachim Kuhlmann haben ganze Arbeit geleistet und binnen vier Tagen 44 originalgetreue Trikots für die Kicker angefertigt. Darunter auch das allererste Trikot der Borussia, das die Kicker des Ballspielvereins bei ihrem ersten offiziellen Spiel am 15. Januar 1911 trugen: blau-weiß gestreift mit roter Schärpe. Erst 1913 änderte der Verein seine Farben und trat in zitronengelben Jerseys mit einem schwarzen "B" auf der Brust an. Auch die haben die Kostümbildner auferstehen lassen.

Doch nicht nur die Trikots sollen aussehen wie vor hundert Jahren, auch die Spieler: „Keine sichtbaren Piercings, keine Tatoos!“, macht Produktionsleiter Marcus Leciejewska deutlich. Die Torhüter tragen stilechte Mützen. „Aber keine Handschuhe“, belehrt Kostümbildner Kuhlmann. Über ihre teils allzu bunten Fußbalschuhe müssen die Kicker schwarze Strümpfe ziehen. Auch für weitere Requisiten ist gesorgt. Aus gebeizten Kanthölzern wurden Tore gezimmert, schwere Lederbälle liegen bereit.

Ein Fußballspiel nach Drehbuch

Dann geht es endlich los. Die zitronengelben Borussen machen den Anfang. Das Drehbuch sieht eigentlich vor, dass der BVB das Spiel macht, doch die in roten Jerseys spielenden Gegner sehen sich allzu oft bei ihrer Fußballerehre gepackt und halten dagegen. Gruszecki und Quambusch rufen, brüllen mit steigender Verzweiflung Regieanweisungen: „Lasst die Dortmunder angreifen!“ oder „Gebt dem BVB den Ball!“. Auch die taktischen Gepflogenheiten von vor 100 Jahren verlangen den Spielern einiges ab. Immer wieder verlagern sie ihr Spiel auf die Flügel und agieren aus einer defensiven Grundformation heraus. „Nach vorne! Fünf Stürmer! Durch die Mitte spielen!“, so die Regieanweisungen vom Spielfeldrand.

Im mal strömenden, mal nieselnden Regen trauert Kostümbildner Christian Kuhlmann mit bitterer Miene seinem Werk nach. Matsch von unten, Wasser von oben – da bleibt keines der 44 Trikots sauber. Doch die Spieler genießen den Auftritt im historischen Dress. Nach diesem ersten Spiel im BVB-Trikot ist Mirko Kolodzey vom FC IAOWL Schwerte gerührt: „Für mich als BVB-Fan ist eine Ehre, in diesem historischen Trikot zu spielen“, so der Abwehrspieler mit funkelnden Augen. Doch die altertümliche Art zu kicken ist nicht unbedingt seine Sache, zumal die eigenwilligen Flug- und Rollbewegungen des Balles alles etwas komplizierter machen.

"Super! Perfekt" Und jetzt noch mal!"

Der Rasen verwandelt sich allmählich in einen matschigen Acker, der den Bedingungen auf der „Weißen Wiese“ recht nahe kommen dürfte. So wollten es die Filmemacher haben, zumal das Wetter beim ersten Spiel des BVB nicht wesentlich besser gewesen sein dürfte. Eben dieser historische Kick ist in der zweiten Runde dran. Die eben noch gelben Borussen haben sich umgezogen und laufen nun in blau-weiß gestreiften Trikots mit roter Schärpe auf. Auch hier lautet das Motto: Ab durch die Mitte und Tore schießen – der BVB gewann sein erstes Spiel schließlich mit 9:3. Das Filmteam lässt den Kickern mal freien Lauf und filmt einfach drauf los, andere Sequenzen, die im späteren Film eine besondere Rolle spielen sollen, werden jedoch x-mal wiederholt. „Super! Perfekt! Und jetzt noch mal“, so immer wieder die Anweisungen der Regie. Die Fußballer machen gerne mit. Keiner murrt, alle haben sichtlich Spaß.

Um kurz nach 16 Uhr ist es zu dunkel, um weiterzudrehen. Feierabend. Gut vier Stunden lang haben die Spieler den Willicher Polo-Platz beackert und gepflügt. Projektleiter Gruszecki zieht ein positives Fazit. Die Aufnahmen seien toll geworden – "viele starke Bilder". Wie viel davon am Ende im Film zu sehen sein wird? „Ungefähr 15 Minuten“, schätzt Gruszecki.

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