Schalke

Schalke stellt sich ohne Raúl ganz neu auf

Die Schalker haben mit Raúl einen herausragenden Individualisten verloren.

Foto: Imago

Die Schalker haben mit Raúl einen herausragenden Individualisten verloren. Foto: Imago

Klagenfurt.   Weil die Tore des Spaniers fehlen werden, muss das gesamte Team mehr arbeiten. Und zur Sicherheit stabilisiert Trainer Stevens erst einmal die Abwehr. Ein wichtiger Test wird das Spiel am Freitag gegen Sampdoria Genua sein.

Früher, in der angeblich ach so guten alten Zeit, hatten Trainingslager für Fußballprofis den Charme von militärischen Kasernierungen. Wer nicht an dem Mief der damals noch spartanisch eingerichteten, jugendherbergsähnlichen Sportschulen ersticken wollte, der musste ausbüxen, über Zäune klettern und sich heimlich zurückschleichen. Heutzutage wird Abwechslung befohlen: Die Spieler des FC Schalke 04 hatten am Donnerstagmorgen im österreichischen Klagenfurt trainingsfrei, weil ihnen am Mittwoch von der sportlichen Leitung ein Mannschaftsabend in einem Restaurant am Wörthersee gegönnt worden war.

Das moderne Stichwort heißt Teambuilding, und gerade die Schalker müssen dringend dafür sorgen, dass sie eine Mannschaft in die Saison schicken können, die auch durch Zusammenhalt punktet. Denn sie haben einen herausragenden Individualisten verloren, der eine Lücke in Kratergröße hinterlassen hat. Raúl ist weg, ein neuer Raúl lässt sich nicht backen, also müssen die Königsblauen intelligent nach Alternativen fahnden.

Lewis Holtby wäre der klassische Spielmacher

Trainer Huub Stevens hält taktische Flexibilität für die einzig richtige Lösung. „Du kannst Raúl nicht eins zu eins ersetzen“, wiederholt er gebetsmühlenartig. „Das muss die ganze Mannschaft tun.“ Stevens glaubt, dass „die jungen Burschen jetzt die nächsten Schritte machen können“. Aber er lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster: „Ob wir genauso gut spielen wie mit Raúl, das müssen wir abwarten.“

Das Schalker Spiel sieht ohne den spanischen Weltstar anders aus: Wer auch immer seine Position hinter der Sturmspitze einnehmen wird, er wird sie zwangsläufig anders interpretieren als der Routinier. Personell hat Stevens eine Reihe von Möglichkeiten: Lewis Holtby wäre ein klassischer Spielmacher, er scheint derzeit die besten Karten zu haben; Teemu Pukki könnte häufiger in der direkten Nähe von Klaas-Jan Huntelaar auftauchen; auch Neuzugang Tranquillo Barnetta, eher ein Außenbahnspieler, wird derzeit als „Zehner“ getestet, und selbst den nach wie vor schwer einschätzbaren Jose Manuel Jurado schreibt der Trainer nicht ab. Nur Julian Draxler soll noch nicht in die Offensivzentrale rücken: Der Jungnationalspieler ist nach Ansicht des Trainers zurzeit noch besser auf der linken Seite aufgehoben.

Fakt ist: Raúl hat in der vergangenen Saison 15 Bundesliga-Treffer geliefert, die wollen erst einmal wieder geschossen sein. „Natürlich sind 15 Tore kein Klacks“, meint Manager Horst Heldt, „aber bei allem Respekt: Das Pressing war mit Raúl nicht so möglich wie jetzt.“ Das ist unbestritten: Als Rasen-Rakete war Raúl eher nicht bekannt, deshalb konnte selten die gesamte Mannschaft gleichzeitig gegen den Ball arbeiten oder den Gegner durch flinkes Umschalten vor Probleme stellen. Raúl aber machte seine Defizite auf andere Weise wett: mit Spielintelligenz und Torgefahr. Und dass Klaas-Jan Huntelaar noch einmal stolze 29 Treffer erzielen kann, darf nicht wie selbstverständlich vorausgesetzt werden. Schalke muss also realistisch davon ausgehen, nicht erneut auf 74 Ligatore kommen zu können.

Stevens, der Pragmatiker

In den Tests gegen den AC Mailand (0:1) und gegen Udinese Calcio (0:0) fiel kein eigener Treffer. Das soll sich zwar möglichst schon an diesem Freitagabend in St. Veit gegen Sampdoria Genua ändern, aber grundsätzlich zieht Stevens, der Pragmatiker, die richtige Konsequenz: In der Vorbereitungszeit arbeitet er verstärkt daran, die Risse in der Abwehr zu verputzen. „Wir haben in der vergangenen Saison zu viele Gegentreffer kassiert, das darf nicht noch einmal passieren“, betont der Trainer. Er schaut, welche Spieler ihm zur Verfügung stehen, und richtet danach das System aus.

Huntelaar und Raúl verwandelten im Duett mehrmals Rückstände noch in spektakuläre Siege. Wer sich aus guten Gründen nicht darauf verlassen will, dass sich auch künftig aus einem 0:2 noch ein 4:2 zaubern lässt, der sollte besser gar nicht erst zurückliegen und stattdessen öfter mal 1:0 gewinnen. Wer wüsste es besser als Huub Stevens, dass es auch dafür drei Punkte gibt.

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