Illegaler Welpenhandel

Welpe Nala starb fünf Wochen nach dem Kauf

„Wir hatten fünf sehr schöne und glückliche Wochen mit der kleinen Nala bei uns Zuhause“, sagt Regina Schleicher. Am 11. November 2012 starb die Hündin auf dem Weg zum Nottierarzt.

Foto: privat

„Wir hatten fünf sehr schöne und glückliche Wochen mit der kleinen Nala bei uns Zuhause“, sagt Regina Schleicher. Am 11. November 2012 starb die Hündin auf dem Weg zum Nottierarzt. Foto: privat

Kreuztal/Hagen.   Fünf Wochen lebte Nala bei einer Familie im Taunus, dann starb der Welpe. Er wurde bei einem Züchter gekauft, der wegen Betruges angeklagt wird.

Die Annonce bei Ebay-Kleinanzeigen klang verlockend: „Welpen aus liebevoller Hausaufzucht, mit Kindern aufgewachsen.“ Und als Regina und Horst Schleicher den Golden Retriever im Wohnzimmer einer Hundezucht im Kreuztal-Buschhütten sahen, war es um sie geschehen. Das Ehepaar aus dem Vordertaunus kaufte die Hunde-Dame, die den Namen Nala erhielt, für 650 Euro. Weil es die zuvor am Telefon anvisierten Papiere doch nicht gab, bot der Verkäufer einen Nachlass auf die vereinbarten 900 Euro an. Fünf Wochen später, am 11. November 2012, war Nala tot, vermutlich einem Lungenödem erlegen.

„Sie starb auf dem Weg zum Nottierarzt“, sagt Regina Schleicher, „auf dem Rücksitz unseres Wagens in meinen Armen.“ Sie wird diese Bilder nicht vergessen. „Mein Leben lang.“ Vergangene Woche hat die Staatsanwaltschaft Hagen gegen vier Mitglieder der Züchterfamilie und vier weitere Personen - darunter eine Tierärztin - Anklage wegen banden- und gewerbsmäßigen Betruges erhoben. Die Schleichers hatten - wie viele andere Kunden - bei den Behörden den Verdacht eines illegalen Welpenhandels geäußert. Anstelle eines reinrassigen Tieres aus „Eigenzucht“ habe man einen kranken Welpen aus Osteuropa erhalten.

Anlage auch vom Ministerium„für gut befunden“

Das Schreiben des Landrats des Kreises Siegen-Wittgenstein an Regina Schleicher, das der WESTFALENPOST vorliegt, ist datiert auf den 5. Februar 2015. Darin erklärt Andreas Müller, dass die Hundezucht dem Kreisveterinär zufolge „aufgrund der Anzeigen im Jahr 2014“ mehrmals, „auch unangemeldet“ kontrolliert worden sei. „Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass in der Zuchtanlage die tierschutzrechtlichen Bestimmungen berücksichtigt werden.“ Im Juni 2014 hatte ein Referatsleiter Regina Schleicher mitgeteilt, dass die Anlage auch vom Tierschutzreferenten im NRW-Umweltministerium „für gut befunden“ wurde.

Die Sonderkommission „Chip“ der Hagener Polizei beschlagnahmte bei einer Razzia im vergangenen Dezember 105 Hunde. Tierschützer berichteten von zum Teil „völlig verwahrlosten Hunden“. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Hauptangeklagte - das Oberhaupt der Züchterfamilie - seit mehr als zwei Jahrzehnten einen Hundehandel geführt hat. Seit spätestens 2007 seien die Geschäfte bandenmäßig abgelaufen.

Verfahren gegen Mitarbeiter der Kreisverwaltung

Trotz diverser Anzeigen von betroffenen Hundekäufern, so die Tierschutzstiftung Vier Pfoten, hat das Kreisveterinäramt „jahrelang nicht reagiert“. Wie das zu erklären ist - das wollte die WESTFALENPOST vom Kreis wissen. Auf einen Fragenkatalog (siehe unten) antwortete Sprecher Torsten Manges mit der Bitte um Verständnis, dass man vor dem Hintergrund des laufenden Verfahrens gegen Mitarbeiter der Kreisverwaltung (die Staatsanwaltschaft Siegen ermittelt) „zum jetzigen Zeitpunkt keine weiteren Auskünfte geben“ könne. Aber: „Die in der Vergangenheit erteilten Auskünfte haben weiterhin Bestand.“

Nach der Razzia im Dezember hatte Manges mitgeteilt: „Es gab regelmäßige Kontrollen. Es wurden Mängel festgestellt, deshalb hat der Betrieb auch Auflagen erhalten.“

Zucht- und Handelserlaubnis entzogen

Dem Hundezüchter soll Anfang der 2000er Jahre die Zucht- und Handelserlaubnis entzogen worden sein. Danach soll der Betrieb auf den Namen seiner Frau geführt worden sein. Der Referatsleiter des Kreises teilte Regina Schleicher in dem Schreiben vom Juni 2014 mit, dass der Betroffene „seit Februar 2014“ Inhaber einer „Zuchtgenehmigung“ sei. Nach der Durchsuchung kündigte der Kreissprecher an, dass man dem Züchter die Erlaubnis entziehen werde.

Im April 2015 hatte das Oberlandesgericht Hamm Tierschützern das Recht eingeräumt, vor mutmaßlichen Missständen in dem Betrieb zu warnen und in diesem Zusammenhang den Namen des Züchters zu nennen. Kurz danach erklärte der Kreis, bei Kontrollen keine „gravierenden Tierschutzmängel“ festgestellt zu haben. „Ebenfalls fanden sich keine Hinweise darauf, dass importierte Hunde angeboten werden.“

Welpe stammte vermutlich aus der Slowakei

Udo Kopernik vom Verband für das Hundewesen (VDH) hat der Kreuztaler Fall aufgewühlt. Grundsätzlich müsse man aber Amtstierärzte in Schutz nehmen. Der „Flickenteppich“ an „sehr vagen“ Tierschutzbestimmungen in Deutschland erschwere deren Arbeit. „Es ist leichter für Züchter, Lücken zu finden, als für Amtstierärzte, die Lücken zu schließen.“

Welpe Nala stammte vermutlich aus der Slowakei. Den Impfausweis hatte die Tierärztin ausgestellt, die die Staatsanwaltschaft jetzt wegen Beihilfe zum Betrug in 82 Fällen angeklagt hat.

Die Schleichers haben die Dame bei der Tierärztekammer angezeigt. Die Sache verlief wie die Anzeige bei der Kreispolizei Siegen-Wittgenstein im Sande. In sozialen Netzwerken fand das Ehepaar eine mehrstellige Zahl an Kunden des Züchters, die sich betrogen fühlen. Regina und Horst Schleicher wollen am Ball bleiben: „Nala konnten wir nicht retten, aber vielleicht andere süße Welpen.“

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