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Foodwatch: „Berlin schiebt die Verantwortung auf Brüssel ab“

Generationswechsel: Martin Rücker (36) übernimmt die Geschäfte von Foodwatch-Gründer Thilo Bode (70).

Foto: Reto Klar

Generationswechsel: Martin Rücker (36) übernimmt die Geschäfte von Foodwatch-Gründer Thilo Bode (70). Foto: Reto Klar

Berlin  Foodwatch-Chef Martin Rücker und sein Vorgänger Thilo Bode sprechen im Interview über Tierhaltung, bessere Lebensmittel und die EU.

15 Jahre nach ihrer Gründung stellt sich die Verbraucherorganisation Foodwatch neu auf. Ihren Kampf für sichere und bessere Lebensmittel will sie künftig von Deutschland aus in ganz Europa führen. Gründer Thilo Bode (70) übernimmt die Leitung von Foodwatch International, Martin Rücker (36) führt die deutsche Sektion. Über Erreichtes und die künftigen Herausforderungen sprechen sie im Interview mit dieser Redaktion.

Welche Themen wollen Sie jetzt mit neuer Führung auf deutscher Ebene vorantreiben?

Martin Rücker : Mineralölrückstände in Lebensmitteln und Etikettenschwindel werden zwei wichtige Themen sein. Eine dritte Säule sind Informationsrechte für Verbraucher. Behörden machen beispielsweise regelmäßig Laboranalysen und kein Mensch erfährt davon. Beim Pferdefleischskandal etwa hatten die Behörden selbst Tests auf nicht deklariertes Pferdefleisch durchgeführt – aber nach der Rechtslage durften die Behörden nicht verraten, um welche Produkte es sich handelt. Das sind die Schwachstellen in der Informationspolitik, die Regierung hat das erkannt, aber nichts gemacht – bisher.

Welche Verantwortung tragen Handel und Industrie?

Rücker: Unternehmen sind natürlich für ihre Produkte verantwortlich, Haftung und Prüfpflichten sind aber nicht klar genug geregelt.

Thilo Bode: Gerade bei Gesundheitsgefahren muss der Staat die Verbraucher schützen. Bei gesundheitsschädigenden Mineralölrückständen etwa kann niemand in den Supermarkt gehen und sagen: „Ich habe durch ihre Produkte eine schwere Krankheit bekommen.“ Das können Sie nicht beweisen. Hier müssen die großen Konzerne durch die Politik gezwungen werden, sichere und gesundheitlich unbedenkliche Lebensmittel anzubieten.

Sehen Sie es als Erfolg von 15 Jahren Foodwatch, dass deutsche Verbraucher bei diesen Themen heute oft mitreden können?

Bode: Der größte Effekt unserer Arbeit ist wahrscheinlich der, dass Foodwatch dazu beigetragen hat, Lebensmittel und Ernährung zu einem politischen Thema zu machen.

Rücker: Ich nehme wahr, dass die Menschen zunehmend verstanden haben, dass es eine ganze Reihe von Problemen im Lebensmittelbereich gibt, die sich nur politisch lösen lassen – und nicht mit individuellen Kaufentscheidungen. Ich warne davor, von dem, was die Leute heute kaufen, auf das zu schließen, was sie wirklich haben wollen. Ich glaube, wir hätten einen anderen Lebensmittelmarkt, wenn wir den Verbrauchern die Informationen zur Verfügung stellen würden, die sie wirklich brauchen.

Welche wären das?

Rücker: Verständliche Nährwertangaben, eine Herkunftskennzeichnung, verständliche Kennzeichnung von Zutaten und Zusatzstoffen, klare Informationen dazu, ob Agrargentechnik zum Einsatz gekommen ist. Es ist relativ einfach – aber die Lebensmittelindustrie hat sich in den vergangenen Jahren meist erfolgreich gegen jedes bisschen Mehr an Transparenz gewehrt.

Bode: Ich möchte noch einmal auf die Anmerkungen des Kollegen zurückkommen, inwieweit der Einzelne durch sein Kaufverhalten das große Ganze ändern kann. Das kann er nicht. Die Regierung ist dafür verantwortlich. Nehmen Sie das Beispiel Tierhaltung. Die Zustände in deutschen Ställen entsprechen nicht den ethischen Vorgaben, die die europäische Verfassung und auch das Grundgesetz machen. Da können Sie als Politik nicht mit Vorschlägen für bessere Kennzeichnung von tierischen Lebensmitteln kommen – und dann sollen die Verbraucher beim Einkauf entscheiden. Dadurch geht es vielleicht einigen wenigen Tieren etwas besser. Aber wir brauchen einen gesetzlichen Standard, mit dem es allen Tieren gut geht.

Rücker: Jede Tierart hat bestimmte haltungsbedingte Krankheiten, die zum großen Teil vermieden werden können. Manche Betriebe kriegen das gut hin, andere nicht – übrigens unabhängig davon, ob wir über große oder kleine, Bio oder konventionelle Betriebe reden. Deswegen brauchen wir endlich klare gesetzliche Vorgaben, die es regeln. Das freiwillige Tierschutzlabel, das Landwirtschaftsminister Schmidt zu Beginn des Jahres vorgestellt hat, von dem man immer noch nicht weiß, wann und ob es überhaupt kommt, ist mit Blick darauf eine Kapitulationserklärung.

Hätte Tierschutz unter einem anderen Minister bessere Chancen?

Bode: Im Grunde ist das unerheblich – das Landwirtschaftsministerium ist ein Klientelministerium.

Rücker: Der wirtschaftliche Verbraucherschutz ist zwar ins Justizministerium gewechselt. Das Landwirtschaftsministerium ist weiterhin zuständig für den gesundheitlichen Verbraucherschutz, vertritt aber eben gleichzeitig die Interessen der Agrar- und Lebensmittelwirtschaft. Da prallen Interessen aufeinander, die sich nicht in Einklang bringen lassen.

Bode: Die Frage impliziert aber auch, dass ein deutscher Landwirtschaftsminister hier etwas reißen kann. Wenn bessere Tierschutzstandards, wie wir sie uns vorstellen, nur auf deutscher Ebene eingeführt würden, hätten wir ein Binnenmarktproblem.

Rücker: Andererseits müssen wir dieses Schwarzer-Peter-Spiel dringend beenden. Die deutsche Regierung sagt immer wieder: „Wir können nichts tun, das ist Sache von Europa.“ So wird gerne die Verantwortung auf Brüssel abgeschoben. Jeder deutsche Minister, der etwas erreichen möchte, kann aber auch in Brüssel mit einer Initiative vorstellig werden. Es ist Aufgabe der Bundesregierung, solche Prozesse voranzutreiben, zumal Deutschland in der EU großen Einfluss hat.

Wäre es vor diesem Hintergrund nicht sinnvoller, mit Foodwatch International in Brüssel zu starten?

Bode: Das ist eine Option, aber dafür ist es noch zu früh. Wir haben zwar in Europa im Lebensmittel- und Agrarbereich den am meisten harmonisierten Binnenmarkt. Deswegen zielt alles was wir machen letztendlich auf eine Änderung der europäischen Gesetzgebung ab. Aber um politisch etwas zu bewegen, brauchen wir Druck von den Nationalstaaten und den nationalen Öffentlichkeiten.

Was glauben Sie, kann Foodwatch International erreichen?

Rücker: Ich glaube, wir werden die Lebensmittelkonzerne noch stärker ärgern können als bisher – weil es nötig ist.

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